Predigt aus dem Jahre 1988/ 89





09.08.2020

17. Sonntag im Jahreskreis (C): (Lk. 11, 1-13)

„Bittet, dann wird euch gegeben.“

Lukas beginnt das heutige Evangelium mit den Worten: "Jesus betete einmal an einem Ort und als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten!"
Mit diesem Apostel wollen auch wir heute an den Meister herantreten und ihn bitten: "Herr, lehre uns beten!"
Ja, das Gebet ist leider in unseren Tagen in eine Krise geraten, weil so mancher glaubt, dass in einer technisch so vollkommenen Zeit alles machbar sei durch eigene Kraft und der Mensch auf die Hilfe Gottes nicht mehr angewiesen sei und so viele ihr Vertrauen verloren haben in ihre Gebete, die ohne jede Antwort geblieben sind.
Und doch ist das Beten gleichsam "das Atmen der Seele". Und wir wissen, dass die Atmung eine lebensnotwendige Voraussetzung ist für unser Leben, ja, dass der fehlende Atem den sicheren Tod herbeiführt.
So fordert auch die Seele die göttliche Luft, um nicht zu verkümmern und zu ersticken und dieses Atmen der Seele ist das Gebet.
Gertrud von Helfta hat uns das wunderbare Wort geschenkt: "Das Gebet hat große Kraft, das der Mensch verrichtet nach bestem Können: Es zieht den großen Gott in das kleine Herz; es trägt die hungrige Seele empor zu Gott, dem lebendigen Quell. Und bringt zusammen zwei Liebende: Gott und die Seele."
Der hl. Pfarrer von Ars hat einen Mann, den er jeden Morgen im andächtigen Gebet in seiner Kirche erlebte, gefragt, was er da immer bete. Und der Mann hat geantwortet: "Er schaut mich an und ich schaue ihn an."
Ja, solch ein Beten ist weitab von dem „Plappern, wie es die Heiden tun“. Es ist tiefste Innerlichkeit, mehr Schweigen als Sprechen. Ach, es sind leise und schüchterne Worte, die aus unserem Herzen kommen und auch das Herz Gottes treffen, und keines dieser Worte wird verloren gehen.
Solch ein Beten lässt Gott Mittelpunkt sein, denn er ist nicht angewiesen auf unser Lob. Wir aber haben sein Wohlwollen nötig. Solch ein Beten macht uns frei von Sorge und Angst und lässt uns Frieden und Geborgenheit finden am Herzen Gottes.
Das wertvollste Gebet hat Christus uns selbst in den Mund gelegt, da er sagt: „Wenn ihr betet, so sprecht.“ Und während das Gebet des Herrn bei Matthäus sieben Bitten kennt, so finden wir bei Lukas wahrscheinlich die ursprüngliche Form, sechs Bitten:
„Vater“
Vater will Gott uns sein. Ein Vater, der uns von Ewigkeit her gedacht hat. In dessen Hände wir eingeschrieben sind. Der mit liebevollem Auge unsere Erdentage begleitet und einmal einen Platz an seinem Herzen zugedacht hat.
"Dein Name werde geheiligt."
Wenn von der vernunftlosen Natur gilt: "Dein Lob, Herr ruft der Himmel aus, das blaue lichterfüllte Haus mit soviel Zung' als Sternen.", dann ist es des Menschen, des Abbildes Gottes, schönste Aufgabe, den heiligen Namen Gottes stets auf der Zunge zu tragen. Es gilt das Wort des Augustinus: "Was redet, wer von Gott redet, doch wehe, wer von Gott schweigt.“
"Dein Reich komme."
Seit dem Urschuldfluch sind wir verbannte Kinder Evas, verschlagen in eine Welt, auf der der Schatten der Schuld lastet. In jener Stunde, als Christus auf diese Erde kam, nimmt sie den ersten Samen des Gottesreiches auf. Seit unserer Taufe sind wir berufen, uns gleich einem Samenkorn des Gottesreiches in dieses Weltreich einsenken zu lassen.
Dieses Bewusstsein, mitarbeiten am Aufbau des Reiches Gottes auf dieser Erde, zu dürfen, ist die Würde unseres Christseins. Es schenkt uns Freude über den Tod hinaus.
"Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen."
Jedes Jahr deckt Gott uns immer wieder den Tisch, sodass wir bereits vergessen haben, wie weh der Hunger tut und wir dürfen vertrauen, dass wir auch morgen noch unser täglich Brot haben werden.
Aber das dürfen wir nicht vergessen, dass wir das uns täglich zugedachte Brot mit denen teilen, die keinen Erntetag erleben.
"Und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben jedem, was er uns schuldig ist."
Ein Hindu wurde gefragt: "Was ist Christentum?" und er antwortete: "Es ist Geben." Und das Geben, das am schwersten fällt, ist das Vergeben."
Mit dem Vergeben unserer Schuld durch den Tod Christi am Kreuze ist uns die Hoffnung auf das ewige Leben gegeben, sonst blieben wir dem ewigen Tode verloren.
Täglich bitten wir um Vergeben unserer Schuld. Sind wir uns auch bewusst, dass uns soviel nur vergeben werden kann, als wir dem Nächsten zu vergeben bereit sind?
"Und führe uns nicht in Versuchung."
Gewiss ist es nicht so, dass Gott uns in Versuchung führt. Wohl aber lässt er die Versuchung bis an den Rand unserer Kraft zu und lässt uns aus der Versuchung als Sieger hervorgehen, wenn wir seine Hand zu erfassen bereit sind. Und jeder Sieg über den Verführer macht Freundschaft zu Christus wertvoller.
Und welch eine Garantie ist uns doch gegeben, dass unsere Vater-unser-Bitten Gehör finden, denn da heißt es:
"Darum sage ich euch: 'Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet."