Predigt aus dem Jahre 1987/ 88





17.02.2019

6. Sonntag im Jahreskreis (B)

„Der Aussatz verschwand und der Mann war rein.“

Welch ein grenzenloses Elend, mit dem uns das heutige Evangelium konfrontiert!
Aussatz - von Geschwüren entstellt, ausgestoßen aus der menschlichen Gemeinschaft, hilflos verdammt in völlige Verlassenheit, dem sicheren Tode preisgegeben.
Aussatz - in Höhlen und Grabkammern suchen diese armen Menschen Zuflucht in der Kühle der Nacht, durchstreifen sie, in Rudeln zusammengerottet, einsame Gegenden während des Tages, auf der Suche nach Nahrung gegen den sicheren Tod, tragen sie in ihren Händen Klappern als Warnzeichen gegenüber all den Gesunden, die zufällig ihren Weg kreuzen könnten.
Aussatz - selbst die Hoffnung auf einen erlösenden Tod und die Zuflucht zu einem gnädigen Gott ist ihnen genommen, weil diese Krankheit ja als sichtbare Strafe für ein sündhaftes Leben angesehen wurde.
Doch da dringt eines Tages auch in diese Einsamkeit hinein die Kunde von dem Wundertäter, der „Wohltaten spendend durch die Lande zieht“.
Dieser Funke der Hoffnung erfüllt den aussätzigen Mann unseres Evangeliums, und vertrauend eilt er, jedem Verbot trotzend, dem Herrn entgegen mit dem Hilfeschrei: „Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen!“
Könnte sich die „Güte und Menschenfreundlichkeit, die uns erschienen ist“ wohl diesem Verlangen verschließen? Und so heißt die Antwort Jesu: „Ich will, sei rein!“
Da fragt so mancher Mensch in unseren Tagen: „Dem einen Aussätzigen hat Christus geholfen. Aber wie steht es um die fünfzehn Millionen Aussätzigen, die wir heute noch zählen?“
Nun, den einen hat „ER“ durch sein allmächtiges Wort geheilt. Uns ist die Aufgabe gegeben, dieses Wunder der Heilung der Aussätzigen fortzusetzen durch unser opferbereites Herz. Ja, die Erkenntnisse der heutigen Medizin und die Spenden opferbereiter Herzen könnten das Heilungswunder des heutigen Evangeliums fortsetzen.
Erleben wir nicht in unserer heutigen Gesellschaft auch noch den „Aussatz“? Einen Aussatz anderer Art, da wir „aussetzen“ aus unserer Verantwortung so viele Menschen, und sie an den äußersten Rand unseres Lebens drängen:
Die alten Menschen, die den Vorstellungen unserer Leistungsgesellschaft nicht mehr entsprechen und hinter der Norm zurückbleiben; die Straffälligen, die Penner, die sich in die Nacht verkriechen, weil niemand mit ihnen spricht, weil jeder ihnen aus dem Wege geht; die Behinderten an Körper und Geist, die man in Gettos unterbringt, weil man ihren Anblick nicht will.
Im heutigen Evangelium spricht Jesus nicht nur: „Ich will, sei rein!“ und der Mann ist frei vom Aussatz. Nein, er streckt ihm die Hand entgegen und führt ihn zurück in die Gemeinschaft der Familie und des Volkes.
Ja, und das muss auch unsere Aufgabe sein: alle jene heimzuholen in unsere Lebens- und Gnadengemeinschaft, die da leiden am Aussatz des Leibes wie der Seele.
Diesem Evangelium liegt aber ein weit tieferer Sinn zugrunde. Es geht da nicht nur um eine der vielen Heilungen körperlicher Krankheiten. Dieser Aussatz des Leibes weist hin auf jenen Aussatz, an dem die Seele erkrankt, das ist die Sünde. Gerade die moderne Wissenschaft der Tiefenpsychologie will unseren Blick doch hinlenken auf die Tiefe unserer Seele, wo heute doch, bei ach so vielen „aussetzt“ die gesunde Entwicklung zu einem Leben mit Hoffnung auf Zukunft.
Darum war doch Gott auf diese Erde gekommen, um uns aus dem Labyrinth der Vergänglichkeit hinzuführen zu der Tür, die aufstößt zur Ewigkeit. Ja, „in jedem ist ein Bild dessen, was er werden soll, und eh er es nicht ist, ist nicht sein Friede voll“. Und dieser Friede kommt allein aus der Hand Gottes - unsere Aufgabe ist es, sich ihm zu öffnen, ja ihm nachzujagen.
Wir wollen beten:
Vater, wir sind bereit, am Leben deines Sohnes teilzunehmen. Verfüge du über unser Leben, mache es gleichgestaltet dem Leben deines Sohnes!
Er will sein eigenes Leben in uns weiterführen bis zum Ende der Zeiten Er will in uns und in unserem Leben die Herrlichkeit, die Größe, die Schönheit und die Segenskraft seines Lebens offenbaren.
Was uns im Leben begegnet, ist nicht Zufall, ist nicht blindes Geschick, sondern ist ein Stück des Lebens deines Sohnes.
(Karl Rahner)