Predigt aus dem Jahre 1988/ 89





31.05.2020

8. Sonntag im Jahreskreis (C): (Lk. 6, 39 - 45)

„Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund."

"Ein jüdischer Rabbi fragte einmal seine Schüler: "Wann weicht die Nacht dem Tag? Woran erkennt man das?"
Da antwortete der Erste: "Wenn man eine Ziege von einem Schaf un-terscheiden kann." Der Zweite sagte: "Wenn man den Unterschied zwischen einem Dattelbaum und einem Feigenbaum erkennen kann." Und der Rabbi erwiderte: "Nein, dann ist die Nacht zu Ende und es beginnt der Tag, wenn ich einen Menschen sehe und in seinem. Antlitz den Bruder und die Schwester erkenne."
Ja, es ist schon so, wie der Dichter Saint-Exupéry seinen kleinen Prinz sagen lässt: „Nur mit dem Herzen sieht man gut."
Nur das Auge, in dem die Liebe des Herzens leuchtet, sieht klar und rein und gut. Ein Auge, das ohne Wohlwollen auf den anderen schaut, ist lieblos. Ein Auge, das in Selbstgefälligkeit den anderen anschaut, kann nicht gerecht urteilen. Ein Auge, das blind ist für die Lebenssituation des anderen, muss ein Fehlurteil fällen.
Ja, müssen wir uns nicht alle, der eine mehr, der andere weniger¬, schuldig bekennen, wenn wir das Wort des Meisters hören: "Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge her¬ausziehen, während du den Balken in deinem eigenen Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge! Dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders her¬auszuziehen."
"Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge!" -
Ein großer Weiser des alten Griechenland forderte als der Weisheit höchsten Schluss: "Mensch, erkenne dich selbst!" Ja, wenn wir dieser Erkenntnis leben würden, suchten wir nicht den Splitter im Auge des anderen, weil wir an der Last des Balkens im eigenen Auge genügend zu tragen hätten, würden wir mit dem Schriftsteller Chesterton bekennen: "Kein Mensch taugt in Wirklichkeit etwas, ehe er nicht sieht, wie schlecht er ist oder sein könnte." Müssten wir einsehen: "Nur der wird groß, der das Böse in sich sieht und dagegen kämpft."
Der hl. Paulus schreibt einmal an die Philipper: "Der Gerechte ist sein eigener Ankläger." Ja, der Gerechte richtet nicht seinen Mitmenschen. Er richtet sein Leben aus nach dem Willen Gottes, den sein Sohn nicht als Richter uns geoffenbart hat, sondern als liebenden Vater, der uns die Vergebung unserer Schuld schenkt.
Und diese vergebende Liebe durften während der Erdentage Jesu
alle erfahren, die sich mit schuldbelastetem Herzen ihm nahten: Eine Maria Magdalena, die das verzeihende Wort hören durfte: "Deine Sünden sind dir vergeben. Geh hin in Frieden!"
Ein Oberzöllner Zachäus, dem er zurief: "Steig herab vom Baume, Zachäus, denn bei dir möchte ich heute einkehren und Gast sein!“
Eine Ehebrecherin, vor die er sich schützend stellte gegen die Steinwürfe ihrer Ankläger und so ihr Leben rettete.
Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi sagte einmal:
„Man muss sich weniger bemühen, Gutes zu tun als gut zu sein.
Die menschliche Seele lebt gleichsam in einem Glasgefäß, das man beschmutzt oder rein halten kann.
Je reiner das Gefäß ist, um so besser scheint das Licht der Wahrheit hindurch, leuchtet dem Träger wie auch anderen.
Deswegen liegt die Hauptaufgabe des Menschen im Inneren, besteht im Reinhalten des Gefäßes.
Sobald du es nicht beschmutzt, wird es dir hell und du leuchtest dir selber und anderen."
Ja, die Hauptaufgabe des Menschen liegt im Inneren, im Herz. Ein Herz muss sein wie eine reine Quelle, wenn man ihr Wasser trinken darf.
Ein Herz muss sein wie eine hell leuchtende Lampe, wenn man durch einen finsteren Wald sich durchfinden soll. Ein Herz muss sein wie ein gut bereiteter Acker, wenn man eine Frucht erwarten will.
Was nicht aus deinem Herzen kommt, das dringt auch nicht zum Herzen. Das Licht, das in deinem Herzen brennt, es leuch¬tet sehr und kündet mehr als hunderttausend Kerzen.
Wenn im Herzen eines Menschen Freude, Liebe, Friede wohnen, dann sind Wort, und Tat eines solchen Menschen gleich den Früchten eines guten Baumes. Denn "wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund."