Predigt aus dem Jahre 1988/ 89





25.10.2020

28. Sonntag im Jahrekreis (C): (LK. 17, 11-19)

„Ist keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?“

Zehn Kranke, Zehn Geheilte, aber nur einer, der dankt. –
Ein eindrucksvolleres Bild für unser Wort "Undank ist der Welt Lohn, kann Lukas uns nicht bieten.
Wehe dem Menschen, dem die Fähigkeit zu danken verloren ging, denn gerade die kostbarsten Güter müssen wir uns schenken lassen: das Leben und die Liebe.
Aussatz, Lepra - welch eine furchtbare Krankheit: sie verbietet ein Zusammensein mit den Gesunden. Sie gebietet, Weib und Kind, Haus und Hof zu verlassen, uns als Ausgesetzter, Ausgestoßener vor den Toren der Stadt in der Einsamkeit der Wüste mit Schicksalsgenossen zu hausen. Sie hat seine Lebensgeschichte bereits geschrieben, das Todesurteil schon gesprochen, der Tod ist nur noch der Schlusspunkt hinter diesem furchtbaren Elend. Nur ihresgleichen dürfen sich begegnen und das ist kein Trost. Nein, das ist ein Spiegel, der ein Zerrbild menschlicher Schönheit offenbart. Das ist die immer neue Erkenntnis des sicheren Todes.
Doch da fällt in diese Nacht der Verlassenheit ein Lichtstrahl der Hoffnung, denn: ein Neuzugang weiß zu berichten, dass ein Prediger durch das Land zieht, der über ungeahnte Kräfte verfügen muss: Auf einer Hochzeit soll er Wasser in Wein verwandelt haben, in der Hauran-Wüste soll er mit fünf Broten und zwei Fischen über 5.000 Männer satt gemacht haben. Ja, in Naim soll er sogar einen jungen Mann, den man gerade zu Grabe trug, wieder ins Leben zurückgerufen haben.
Ihm müsste man begegnen. Er könnte gar nicht an solch einem Elend vorbeisehen. Irgendwo auf dem Wege zwischen zwei Dörfern müsste man ihm begegnen. Und da hören wir:
"Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!" Wir sind überrascht über die Antwort Jesu, als er sagt: "Geht, zeigt euch den Priestern."
Wie sprachlos müssen doch diese Männer gewesen sein, die sich sofort auf den Weg nach Jerusalem machen, um von den Priestern zu hören, dass sie als geheilt gelten, denn unterwegs bereits fiel der Aussatz von ihnen ab.
Damit endet die Krankengeschichte für neun dieser Männer. Sie lassen ihre Heilung von den Priestern bestätigen. Sie bringen das vorgeschriebene Dankopfer im Tempel dar. Sie eilen auf dem kürzesten Weg nach Hause, zurück zu ihrer Familie-
Doch bei dem Krankenbericht des Zehnten gibt es noch einen Nachsatz. Und der heißt: "Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war, und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Dieser Mann war aus Samaria."
Zehn Israeliten sind geheilt worden. Das Wunder ist aber nur an dem einen geschehen, an dem Samariter. Denn er weiß sich nicht nur geheilt. Er weiß sich auch in Liebe angenommen.
Neun Männer denken nicht mehr an den, der ihnen die Gesundheit schenkte. Sie wollen nun nachholen alles, was ihnen das Leben bisher versagt hat. Aber der eine, der Verachtete, tritt vor seinen Wundertäter hin und spricht sein Dankgebet, wie wir beten im zweiten eucharistischen Hochgebet: "Wir danken dir, Herr, dass du uns berufen hast, vor dir zu stehen und dir zu dienen." Nur er, der Samariter hat es begriffen:
Leben kommt aus Gottes Hand. Nur er kann es geben. Leben wandert wieder zurück in Gottes Hand. Er kann es nehmen. Und auf dieser Wanderschaft zwischen Anfang und Ende sind wir ausgesetzt dem Widersacher in all seinen Teufeleien.
Als Jesus diesen einen Geheilten zu seinen Füßen sah, ist sein Herz betrübt und er fragt: "Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?"
Teilen wir nicht alle das Los der zehn Aussätzigen unseres Evangeliums? Sind nicht wir alle in der Taufe rein gewaschen worden von dem Aussatz der Sünde? Haben wir nicht immer wieder Heil um Heil empfangen dürfen aus Gottes Hand?
Und wenn er heute auf uns herabschaut, wird er nicht in, ach, so vielen Kirchen fragen müssen: "Wo sind die übrigen neun?"
Es gibt zwei Möglichkeiten in unserem Verhältnis zu Jesus: wir können uns mit offenen Armen in die Fluten dieses Lebens stürzen und uns durch sie hinwegspülen lassen in den Genuss des Augenblickes oder aber wir handeln wie der Samariter, indem wir nach erfüllter Bitte auch den Anstand und die Treue des Dankes erzeigen.
Wir wollen beten:
Herr, du hast mich geheilt. Von dir kommt es, dass ich lebe. Deine Liebe hat mich gefunden, noch bevor ich rief.
Ich habe von dir Heilung empfangen, aber das Herz, das du berühren möchtest, ist immer noch nicht in seiner Tiefe aufgetan zum lebendigen Glauben. Das Zurückkehren, die tiefe Bekehrung ist immer noch zu tun.
Herr, locke mich mit der Kraft deiner Liebe. Lass mich dankbar werden, damit das Herz, dieses so oft in sich befangene und verzagte, dieses so oft stumpfe und verschlossene Herz sich weitet und öffnet für dein größeres Wort: "Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich heil gemacht."
(J. Bours)