Tagesheiliger, Spruch des Tages





Tagesspruch Johannes vom Kreuz 2019




27.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ZWÖLFTES KAPITEL

5. Wer sich also Gott unter irgendeinem Bilde dieser Art denkt gleich einem großen Feuer oder lichten Glanz oder wie immer, und meint, dies sei Ihm ähnlich, geht sehr in die Irre. Den Anfängern zwar sind solche Erwägungen und Bilder und Betrachtungsweisen nötig, um durch Sinnenhaftes die Liebe zu mehren und die Seele zu nähren, wie wir noch sagen wollen; dies dient ihnen demnach als entfernteres Mittel zur Vereinigung mit Gott, und in der Regel müssen die Seelen diesen Weg durchschreiten, um ans Ziel und an die Stätte der geistlichen Ruhe zu gelangen. Doch sie müssen wirklich hindurchgehen und nicht für immer hier verweilen, denn sonst kämen sie nie ans Ziel, das ja diesen entfernteren Mitteln nicht gleicht und mit ihnen nichts gemein hat. Es haben ja auch die Stufen einer Treppe nichts gemein mit dem Ziel und der Stätte, zu der sie als Mittel emporführen. Wollte der Aufsteigende die Stufen nicht hinter sich lassen, eine um die andere, sondern auf einigen verweilen, er käme nie an und erreichte nicht die ebene, friedvolle Stätte des Zieles.
Will also die Seele in diesem Leben auf all den Stufen von Erwägungen, Bildern und Erkenntnissen zur Vereinigung gelangen und ruhen im höchsten Gute, so muss sie darüber hinausgehen und damit ein Ende machen, da sie dem Ziele, auf das sie zuwandert, nicht ähnlich und nicht angemessen sind; denn dieses Ziel ist Gott. Darum sagt der Hl. Paulus: Non debemus aestimare auro vel argento, auf lapidi sculpturae artis et cogitationis hominis Divinum esse simile. — Wir dürfen nicht meinen, das Göttliche sei wie Gold, Silber, kunstvoll gemeißelter Stein oder menschliches Gedankengebilde (Apg 17, 29).



26.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ZWÖLFTES KAPITEL

4. Der Grund hierfür liegt darin, dass die Einbildungskraft nur schaffen und gestalten kann, was sie mit den äußeren Sinnen wahrgenommen hat, was sie nämlich mit Augen gesehen, mit Ohren gehört hat usw.; oder sie kann, was schon viel ist, dem Gesehenen, Gehörten, Gefühlten Ähnliches nachbilden, das jedoch keinen höheren Seinswert hat, ja nicht einmal den der angeführten sinnlichen Wahrnehmungen. Mag einer sich auch Paläste aus Perlen und Berge von Gold vorstellen, weil er Gold und Perlen wirklich gesehen hat, so ist dies alles doch weniger als der Gehalt von etwas Gold oder von einer Perle, auch wenn die Einbildung mehr bietet an Fülle und Form. Da nun, wie gesagt, sämtliche erschaffenen Dinge in keinem Verhältnis zum Wesen Gottes stehen, so kann folgerichtig nichts von dem, was nach ihrem Bilde ausgesonnen wird, der Vereinigung mit Ihm als nächstes Mittel dienen; vielmehr wird es sie behindern.



25.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ZWÖLFTES KAPITEL

2. Was uns nun in diesem zweiten Buche als nächstes begegnet, ist der innere körperliche Sinn, nämlich Einbildungskraft sowie Phantasie; auch sie müssen aller Formen und bildhaften Wahrnehmungen entleert werden, die ihnen auf natürlichem Wege zukommen können. Es ist nachweisbar unmöglich, dass die Seele zur Vereinigung mit Gott gelangt, ehe Einbildungskraft und Phantasie nicht ihre Tätigkeit einstellen; denn sie können nicht das geeignete und nächste Mittel zu dieser Vereinigung sein.
3. Es ist zu beachten, dass die beiden Sinne, von denen wir hier sprechen, innerliche Körpersinne sind, die Einbildungskraft und Phantasie genannt werden. Für gewöhnlich spielen sie ineinander. Der eine denkt in Bildern, der andere gestaltet das Erdachte phantasierend aus. Für unser Vorhaben ist es das gleiche, ob wir von der oder jener sprechen. Wenn wir also nicht beide nennen, so sind nach dem hier Gesagten doch stets beide gemeint.
Demnach ist alles, was diese Sinne aufnehmen oder hervorbringen können, Einbildung und Phantasie, nämlich Gestalten, die sich als Bild oder Körper diesen Sinnen vorstellen.
Es gibt ihrer zweierlei: die einen sind übernatürlich und stellen sich den Sinnen ohne deren Mitwirkung vor, also in passiver Weise. Wir nennen sie übernatürlich bewirkte bildhafte Visionen. Von diesen wollen wir nachher sprechen.
Andere sind natürlich; die Sinne können aus Eigenem aktiv Formen, Gestalten und Bilder hervorbringen.
An diese beiden Fähigkeiten hält sich die Betrachtung, die sich als diskursiver Akt der von den genannten Sinnen hergestellten und ausgeführten Bilder, Formen und Gestalten bedient. So kann man sich etwa Christus am Kreuze vorstellen oder an der Geißelsäule oder bei einem anderen Ereignis; oder Gott auf seinem Throne in großer Majestät; oder man kann sich die Glorie denken und vorstellen als ein überaus schönes Licht und in ähnlicher Weise irgend etwas Göttliches oder Menschliches, das in den Bereich der Einbildungskraft fällt.
Alle Vorstellungen dieser Art sind aus der Seele zu entfernen, so dass sie diesem Sinne nach im Dunkeln bleibt, um zur göttlichen Vereinigung zu gelangen; denn sie stehen ebenso wenig im Verhältnis eines nächsten Mittels zu Gott wie die körperlichen, den fünf äußeren Sinnen als Gegenstand dienenden Dinge.



24.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ZWÖLFTES KAPITEL

Von den natürlichen Wahrnehmungen der Einbildungskraft. —Ihr Wesen. — Sie sind kein angemessenes Mittel zur Vereinigung
mit Gott und richten Schaden an, wenn man sie nicht zu lassen weiß.
1. Ehe wir von den bildhaften Visionen reden, die dem inneren Sinn, nämlich der Einbildungskraft und Phantasie, übernatürlich zukommen können, scheint es uns hier gut, umgeordnet vorzugehen, von den natürlichen Wahrnehmungen eben dieses inneren körperlichen Sinnes zu sprechen, um so vom Geringeren zum Größeren, auch vom mehr Äußerlichen zum mehr Innerlichen fortzuschreiten, bis wir zur innersten Zelle vordringen, in der die Seele sich mit Gott vereinigt. Es ist dies die gleiche Ordnung, die wir bis jetzt beobachtet haben; denn wir besprachen zuerst die Entblößung der äußeren Sinne von den natürlichen Wahrnehmungen der Gegenstände - und folgerichtig auch von den natürlichen Kräften des Begehrens, als wir im ersten Buch die Nacht der Sinne behandelten -; sodann begannen wir, die gleichen Sinne der äußeren übernatürlichen Wahrnehmungen zu entblößen, wie sie den äußeren Sinnen zuteil werden (was wir im vorhergehenden Kapitel beendeten), um so die Seele auf den Weg in die Nacht des Geistes zu führen.



23.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ELFTES KAPITEL

11. Der geistlich Strebende hat also alle mit den äußeren Sinnen wahrnehmbaren zeitlichen Wonnen abzuweisen, "Wenn er jenem Untier den ersten und den zweiten Kopf abhauen will. So geht er ein in das erste Gemach der Liebe und das zweite lebendigen Glaubens, ohne etwas festhalten oder sich mit dem belasten zu wollen, was den Sinnen zufällt; denn dies schwächt zumeist den Glauben.
12. Es ist also klar, dass solche Visionen und sinnliche Wahrnehmungen kein Mittel zur Vereinigung sein können, denn sie stehen in keinem Verhältnis zu Gott. Dies ist einer der Gründe, warum Christus nicht wollte, dass Magdalena (Jo 20, 17) und Thomas (Jo 20, 29) ihn berührten.
Der Teufel aber freut sich sehr, wenn er sieht, dass eine Seele Offenbarungen annehmen will und ihnen zugeneigt ist; denn so hat er reichlich Gelegenheit und Macht, ihr Täuschungen einzugeben und den Glauben zu schwächen, so viel er nur vermag. Die Seele, die Offenbarungen wünscht, wird, wie ich schon sagte, sehr vergröbert, oftmals schwer versucht und ungehörig in ihrem Verhalten.
13. Ich habe mich über diese äußeren Wahrnehmungen etwas verbreitet, um das Weitere, das wir nun behandeln wollen, besser zu beleuchten. Freilich wäre auf diesem Gebiete noch so viel zu sagen, dass man an kein Ende käme. Es scheint mir fast, als hätte ich zuviel gekürzt, da ich nur sagte, man möge darauf achten, dergleichen nie zuzulassen, außer in einem ganz seltenen, wohlgeprüften Falle, und dann ohne irgendeine Lust daran zu finden. Doch hier scheint das Gesagte zu genügen.



22.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ELFTES KAPITEL

10. Glücklich die Seele, wenn sie gegen jenes apokalyptische Untier (Offb 12, 3) zu streiten weiß, das sieben Köpfe hat wider die sieben Grade der Liebe, die es einzeln bekämpft. Um jeden einzelnen ringt es mit der Seele in jeder dieser Wohnungen. So übt sie sich und erringt Stufe um Stufe die Gottesliebe. Wenn sie nämlich in jeder treulich kämpft und siegt, so verdient sie ohne Zweifel den Aufstieg von Stufe zu Stufe, von Wohnung zu Wohnung bis zur letzten, bis dass dem Untier die sieben Köpfe, die ihr so wütend zusetzten, abgehauen sind. Es ist ihm ja, wie der Hl. Johannes hier sagt, Macht gegeben, gegen die Heiligen zu kämpfen und es könnte sie auf jeder dieser Liebesstufen besiegen durch reichlichen Einsatz von Waffen und Wehr. Darum ist es sehr bedauerlich, dass viele, die den geistigen Kampf gegen das Untier aufnehmen, nicht einmal dazu taugen, den ersten Kopf abzuhauen durch Abweisen der Sinnenwelt. Und überwinden einige sich so weit, ihn abzuhauen, so hauen sie doch den zweiten nicht ab, nämlich die besprochenen sinnenhaften Visionen. Doch am schmerzlichsten ist es, dass einige, die nicht nur die ersten zwei Köpfe, sondern auch den dritten abgehauen haben — der die inneren Sinnesempfindungen bedeutet beim Überschreiten des Standes der Meditation und sogar noch weiter voran -, eben beim Eintritt in die Lauterkeit des Geistes von jenem geistigen Untier besiegt werden, das sich neuerdings gegen sie erhebt und sogar den ersten Kopf wieder aufleben lässt, und in diesem Rückfall werden die letzten Dinge dieses Menschen ärger als die ersten; denn der Böse nimmt sieben andere Geister mit sich, die schlimmer sind als er (Lk 11, 26).



21.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ELFTES KAPITEL

9. Mit solchen Gnaden wird der Herr, wenn nur die Seele getreu und gesammelt ist, nicht innehalten, bis er sie von Stufe zu Stufe zur göttlichen Vereinigung und Umgestaltung emporgeführt hat. Denn unser Herr erprobt und erhebt die Seele dadurch, dass er ihr zunächst mehr Äußerliches und Niedriges, das die Sinne anspricht, verabreicht, ihrer geringen Fassungskraft entsprechend. Nimmt sie diese ersten Bissen mit geziemender Genügsamkeit, auf Stärkung und Ernährung bedacht, so reicht Gott ihr bald mehr und bessere Speise. Besiegt sie also den Teufel auf der ersten Stufe, so steigt sie zur zweiten auf; und ebenso nach Überwindung der zweiten zur dritten, und so fort durch die sieben Wohnungen, die sieben Stufen der Liebe bedeuten, bis der Bräutigam sie in den Weinkeller (Hoheslied 2,4) seiner vollkommenen Liebe einführt.



20.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ELFTES KAPITEL

8. Darum geziemt es der Seele, sie mit geschlossenen Augen von sich zu weisen, seien sie woher immer. Täte sie dies nicht, so gäbe sie den Einwirkungen des Teufels so viel Raum und dem Teufel selbst so viel Macht, dass sie nicht nur abwechselnd bald die einen, bald die andern erführe, sondern die teuflischen würden sich so vermehren und die göttlichen so ausbleiben, dass endlich dem Teufel alles verbliebe und Gott nichts. In dieser Weise ist es vielen unvorsichtigen und unwissenden Seelen ergangen, die sich beim Erleben solcher Dinge derartig sicher fühlten, dass sie große Mühe hatten, im reinen Glauben zu Gott zurückzukehren. Viele vermochten es nicht mehr, da der Teufel schon zu sehr in ihnen Wurzel gefasst hatte. Darum ist es gut, sich gegen sie zu verschließen und sie alle abzuweisen. So entgeht man bei den bösen dem Trug des Teufels und bei den guten der Beeinträchtigung des Glaubens, und der Geist zieht aus ihnen Gewinn. Jenen, die sie zulassen, wird Gott sie entziehen, denn sie hängen daran und werten sie nicht richtig aus. Der Teufel aber wird die seinen einmengen und vermehren, da er Raum und Anlass dazu findet. Wenn die Seele jedoch gelassen widersteht, so gibt der Teufel es auf, da er sieht, dass er nicht schaden kann. Gott hingegen wird seine Gnaden in dieser demütigen und selbstlosen Seele vermehren und übertreffen, sie über Vieles setzen, gleich jenem Knechte, der über Weniges getreu war (Mt 25, 21).



19.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ELFTES KAPITEL

7. Demnach darf die Seele sich nie erkühnen, sie gerne zuzulassen, und wären sie, wie gesagt, auch von Gott. Solche Zulassung hat sechs Übelstände zur Folge.
Der erste: Ihr Glaube nimmt ab; denn mit den Sinnen erfahrbare Dinge mindern den Glauben sehr. Der Glaube ist ja, wie wir sagten, über allem Sinnenhaften. So begibt sie sich des Mittels zur Vereinigung mit Gott, da sie die Augen der Seele nicht gegen alles Sinnenhafte verschließt.
Der zweite: Verachtet man sie nicht, so behindern sie den Geist; denn die Seele hält sich dabei auf und der Geist fliegt nicht zum Unsichtbaren. Dies ist einer der Gründe, die den Herrn zu den Jüngern sagen ließen, es sei gut, wenn er hingehe, auf dass der Heilige Geist komme (Jo 16, 7). Ebenso beließ er als Auferstandener Maria Magdalena nicht zu seinen Füßen (Jo 20, 17), auf dass sie im Glauben gründe.
Der dritte: Die Seele eignet sich diese Dinge an und wandelt nicht in wahrer Gelassenheit und Entblößung des Geistes.
Der vierte: Sie geht deren Wirkungen und des Geistes verlustig, den sie innerlich mitteilen, weil sie den Blick auf das Sinnenfällige an den Dingen heftet, die minder wichtig sind. Dadurch empfängt sie den Geist, den sie spenden, weniger reichlich; denn dieser senkt sich tiefer ein und bewahrt sich besser durch die Abkehr von allem Sinnenhaften, das vom reinen Geiste sehr verschieden ist.
Der fünfte: Sie geht der Gnaden Gottes verlustig, weil sie diese in Besitz nimmt und nicht gut auswertet. Durch dieses Besitzergreifen ohne Auswertung will sie die Gnaden festhalten. Gott aber gibt die Gnaden nicht, damit die Seele sie festhalte; sie darf ja niemals mit Bestimmtheit glauben, sie seien von Gott.
Der sechste: Durch das bereitwillige Zulassen öffnet sie dem Teufel die Türe, damit er sie mit ähnlichen Erscheinungen betrüge. Er weiß sie ja so fein zu beschönigen und zu verschleiern, dass sie den guten gleichen, da er sich, wie der Apostel sagt, in einen Engel des Lichtes verwandeln kann (2 Kor 11, 14). Davon wollen wir nachher, mit Gottes Gunst, im dritten Buche im Kapitel über die geistliche Gier sprechen.



18.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ELFTES KAPITEL

6. Der Grund hierfür ist folgender: Entstammen körperliche Visionen oder Empfindungen eines der übrigen Sinnesorgane oder auch irgendeine mehr innerlicher Mitteilung von Gott, so bringen sie im Geiste sofort beim Erscheinen oder Fühlbarwerden ihre Wirkung hervor, ohne der Seele Zeit zu lassen für die Überlegung, ob sie solches wolle oder nicht. Da nämlich Gott jene Dinge übernatürlich ohne die zureichende Bemühung und Fähigkeit der Seele gewährt, so bringt er auch ohne ihre Bemühung und Fähigkeit die durch solche Dinge von ihm beabsichtigten Wirkungen in ihr hervor; denn all dies vollzieht sich im Geiste ohne dessen Zutun. Es beruht also nicht auf dem Wollen oder Nichtwollen, ob es geschieht oder nicht. Wird einer schutzlos dem Feuer preisgegeben, so hilft es ihm wenig, dass er nicht verbrennen will, denn das Feuer tut notwendig seine Wirkung. So ist es auch mit den guten Visionen und Darstellungen. Obgleich die Seele sie nicht will, tun sie doch ihre Wirkung in ihr eher und entscheidender als im Leibe.
Ebenso verursachen die von Seiten des Teufels (ohne dass die Seele es will) in ihr Unruhe oder Trockenheit oder Eitelkeit oder den Geist der Anmaßung. Doch sie wirken in der Seele nicht so stark, wie die von Seiten Gottes Gutes bewirken. Die von Seiten des Teufels können ja nur erste Regungen im Willen hervorrufen - ihn aber nicht bewegen, wenn er es nicht will -, dazu einige Unruhe, die aber nicht lange währt, wenn die Seele sie nicht aus Mangel an Mut und Vorsicht andauern lässt.
Jene hingegen, die von Gott kommen, durchdringen die Seele, bewegen den Willen zur Liebe und hinterlassen ihre Wirkung, der die Seele, auch wenn sie wollte, noch weniger widerstehen kann als eine Glasscheibe dem Sonnenstrahl, der auf sie fällt.



17.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ELFTES KAPITEL

5. Überdies schleicht sich in die Seele, der Außerordentliches widerfährt, oftmals unversehens ein gewisses Selbstgefühl ein, als gälte sie schon etwas bei Gott; dies aber ist gegen die Demut.
Auch der Teufel weiß der Seele geheime, manchmal sogar offenkundige Selbstzufriedenheit einzuflößen. Deshalb stellt er den Sinnen oftmals dergleichen Dinge vor: den Augen zeigt er Heiligengestalten und wundersames Leuchten, die Ohren lässt er gut verstellte Worte vernehmen, dazu kommt sehr feiner Wohlgeruch, im Munde Süßigkeit, im Tastsinn Wonneschauer. Dadurch lockt er sie an und verführt sie zu viel Bösem.
Darum sind solche Erscheinungen und Empfindungen stets abzuweisen; denn gesetzt den Fall, einige wären von Gott, so wird doch Gott nicht beleidigt und Wirkung und Frucht, die Gott durch sie in der Seele hervorbringen wollte, gehen nicht verloren, wenn die Seele sie abweist und nicht will.



16.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ELFTES KAPITEL

3. Es irrt also sehr, wer auf solche Dinge etwas gibt, und er kommt arg in Gefahr, sich zu täuschen oder zumindest den Aufstieg ins Geistige durchaus zu behindern. Denn all diese körperlichen Dinge stehen, wie gesagt, in keinem Verhältnis zu den geistigen. Darum halte man eher dafür sie seien vom Teufel als von Gott. Der Teufel hat ja im mehr Äußerlichen und Körperlichen größere Macht und kann hier leichter täuschen als im mehr Innerlichen und Geistigen.
4. Auch bringen solche Dinge und Gestalten dem Inneren und dem Geistigen um so weniger Gewinn, je mehr sie äußerlicher Art sind, wegen des großen Abstandes und der geringen Entsprechung zwischen Körperlichem und Geistigem. Und wenn sie auch dem Geiste etwas mitteilen — was stets der Fall ist bei dem, was Gott verursacht — so doch viel weniger, als dieselben Vorgänge mehr vergeistigt und verinnerlicht bewirken würden. Und sehr leicht werden sie der Seele Anlass zu Irrtum, Anmaßung und Eitelkeit. Da sie nämlich so greifbar und stofflich sind, bewegen sie stark das Gemüt, und die Seele hält das mehr Fühlbare für größer, hält sich daran und vernachlässigt den Glauben in der Meinung, dieses Licht sei Führung und Mittel zum Erstrebten, nämlich zur Gottvereinigung. Indessen kommt man immer mehr vom Glauben als Weg und Mittel ab, je mehr man auf solche Dinge etwas hält.



15.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ELFTES KAPITEL

2. Nun muss man wissen, dass all dies wohl den leiblichen Sinnen von Gott her zukommen kann, dennoch darf man sich dessen nie sicher wähnen, noch dergleichen zulassen, vielmehr muss man es unbedingt fliehen, ohne erforschen zu wollen, ob es gut oder böse sei. Je mehr es sich um Äußerliches und Körperliches handelt, um so unsicherer ist die Herkunft von Gott. Es ist mehr nach Gottes Eigenart und Gewohnheit, sich dem Geiste mitzuteilen, in dem der Seele größere Sicherheit und Förderung geboten ist als im Sinnenhaften. Dieses birgt zumeist viel Gefahr und Täuschung, da sich nämlich der leibliche Sinn anmaßt, geistige Dinge zu beurteilen und abzuschätzen, in der Meinung, sie seien so, wie er sie empfindet, während er doch von ihnen so unterschieden ist wie der Leib von der Seele und das Sinnliche vom Vernünftigen; denn der leibliche Sinn ist den vernünftigen und gar den geistigen Dingen gegenüber so unwissend wie ein Esel, ja noch mehr.



14.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ELFTES KAPITEL

Wahrnehmungen, die dem Verstände auf übernatürlichem Wege durch die äußeren leiblichen Sinne zukommen, sind hinderlich und schädlich. — Wie die Seele sich in solchen Fällen zu
verhalten hat.
1. Die ersten Erkenntnisse, die wir im vorigen Kapitel anführten, sind solche, die dem Verstande auf natürlichem Wege zukommen. Wir haben sie schon im ersten Buche besprochen, als wir die Seele in die Nacht der Sinne einführten; wir kommen hier nicht mehr darauf zurück, da wir die Seele dort ihretwegen schon hinreichend belehrt haben.
In diesem Kapitel sind jene Erkenntnisse und Wahrnehmungen zu behandeln, die dem Verstande übernatürlich durch die äußeren leiblichen Sinne zukommen, als da sind: Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack, Gefühl. Durch alle diese können religiösen Menschen übernatürliche Vorgänge und Dinge aufscheinen, und solches pflegt tatsächlich zu geschehen.
Dem Gesicht zeigen sich oftmals Bilder und Personen aus dem Jenseits, Heilige und Engelsgestalten, gute und böse, und außergewöhnliche Lichterscheinungen.
Das Gehör vernimmt außergewöhnliche Worte, bisweilen von den geschauten Gestalten, bisweilen von unsichtbaren gesprochen.
Der Geruchsinn verspürt manchmal deutlich lieblichsten Wohlgeruch, ohne zu wissen, von wo er ausgeht.
Auch dem Geschmacksinn geschieht es, Köstliches zu schmecken, und dem Tastsinn, große Wonnen zu fühlen, und dies zuweilen so stark, dass es scheint, Mark und Bein schwelgen und erblühen und schwimmen in Wonne. Man pflegt dies Salbung des Geistes zu nennen, von dem aus die Wonne in die Gliedmaßen reiner Seelen überströmt. Solche Sinnenfreude ist bei religiösen Menschen sehr häufig. Sie geht spürbar von der liebenden Andacht des Geistes aus und wird mehr oder weniger empfunden, von jedem auf seine eigene Weise.



13.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ZEHNTES KAPITEL

Einteilung der Wahrnehmungen und Einsichten, die dem Verstande zukommen können.
1. Um nun im einzelnen - im Hinblick auf den Glauben, den wir als Mittel zur göttlichen Vereinigung bezeichneten - vom Nutzen und Schaden zu sprechen, die der Seele durch Erkenntnisse und Wahrnehmungen des Verstandes zukommen können, nehmen wir hier die notwendige Einteilung aller Wahrnehmungen vor, die sie aufnehmen kann, sowohl der natürlichen wie der übernatürlichen, um in solcher Ordnung den Verstand deutlicher in die Nacht des Glaubensdunkels zu geleiten. Dies soll so kurz wie möglich geschehen.
2. Es ist nun zu beachten, das der Verstand auf zwei Wegen Kenntnis und Einsicht gewinnen kann: natürlich und übernatürlich. Natürlich ist alles, was der Verstand durch die leiblichen Sinne oder aus sich selbst zu begreifen vermag, übernatürlich, was dem Verstande über seine natürliche Fassungskraft und Fähigkeit hinaus eingegeben wird.
3. Von diesen übernatürlichen Erkenntnissen sind einige körperlich, andere geistig.
Die körperlichen haben zwei Weisen: sie werden entweder von den äußeren Sinnen oder von den inneren Sinnen des Leibes aufgenommen, worin alles inbegriffen ist, was die Einbildungskraft erfassen, ausdenken und hervorbringen kann.
4. Auch die geistigen haben zwei Weisen: einige sind deutlich und abgegrenzt, andere undeutlich, dunkel und allgemein.
Unter den deutlichen und abgegrenzten finden sich vier Weisen besonderer Wahrnehmungen, die sich dem Geiste ohne Vermittlung durch leibliche Sinne darbieten, nämlich: Visionen, Offenbarungen, Ansprachen und geistige Empfindungen.
Die dunkle und allgemeine Einsicht hat nur eine einzige Weise, nämlich die im Glauben empfangene Beschauung. In diese
ist die Seele einzuführen, durch alle anderen hindurch und ihrer entblößt, von den ersten angefangen.



12.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
NEUNTES KAPITEL

4. Es ist also klar: will eine Seele in diesem Leben zur Vereinigung mit Gott und zu unmittelbarem Austausch mit Ihm gelangen, so muss sie notwendig sich dem Wolkendunkel vereinen, in dem zu wohnen Gott verheißen hat, wie Salomon sagt; sie muss sich in der finsteren Luft aufhalten, deren sich Gott bediente zur Offenbarung seiner Geheimnisse an Job, und sie muss die dunklen Krüge Gedeons in Händen halten, um mit diesen ihren Händen (nämlich mit dem Wirken ihres Willens) das Licht der Liebesvereinigung zu fassen, wenn auch nur im Dunkel des Glaubens, damit dann, wenn das Gefäß dieses Lebens, das einzig das Licht des Glaubens verdeckte, zerbricht, Gott geschaut werde in der Herrlichkeit von Angesicht zu Angesicht.
5. Es bleibt nun noch im einzelnen zu erklären, wie jede Einsicht oder Wahrnehmung, die der Verstand aufnimmt, seinen Wandel im Glauben behindern kann und wie die Seele sich verhalten soll, damit sie ihr sogar eher nütze als schade, und dies sowohl im sinnlichen wie im geistigen Bereich.



11.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
NEUNTES KAPITEL

3. Ein Gleichnis dafür lesen wir in der Heiligen Schrift. Als Salomon den Tempelbau beendete, senkte sich Gott in Finsternis herab und erfüllte den Tempel derart, dass die Söhne Israels nichts sehen konnten. Da sprach Salomon: Verheißen hat es der Herr, zu wohnen im Wolkendunkel (3 Könige 8,12). Auch dem Moses erschien der Herr auf dem Berge eingehüllt in Finsternis (Ex 24,15 -18). Immer erschien Gott in Finsternis, wenn Er Sich reichlich mitteilte. Dies findet sich auch bei Job (38, 1 und 40, 1), wo geschrieben steht, dass Gott aus finsterer Luft zu ihm sprach. Alle diese Finsternisse bedeuten das Dunkel des Glaubens, das die sich der Seele mitteilende Gottheit umhüllt. Dies wird ein Ende haben, wie der hl. Paulus es sagt: Einst hört das Stückwerk auf (1 Kor 13.10), nämlich das Dunkel des Glaubens, und das Vollendete erscheint, nämlich das göttliche Licht. Dafür gibt uns auch der Kriegszug Gedeons ein gutes Bild. Alle Soldaten hatten, so heißt es, Fackeln in Händen und sahen sie nicht; denn sie waren verborgen im Dunkel der Krüge. Als sie diese zerbrachen, erschien sogleich das Licht (Richter 7,16). Und so enthält der Glaube, durch die Krüge dargestellt, in sich das göttliche Licht. Ist er vollendet und zerbrochen durch den Bruch am Ende dieses sterblichen Lebens, so werden sogleich die Herrlichkeit und das Licht der Gottheit offenbar, die er in sich verbarg.



10.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
NEUNTES KAPITEL

2. Wenn er von der Dunkelheit unter seinen Füßen spricht und vom sich bergen in Finsternis und vom Geleit ringsum aus finsterem Regengewölk, so bedeutet dies das Dunkel des Glaubens, in das Gott sich hüllt. Und wird gesagt, Er stieg auf Cherubim und flog auf den Flügeln des Windes, so ist dies zu verstehen von seinem Flug hoch über allem Begreifen. Denn mit Cherubim sind die Einsichtigen oder Beschauenden gemeint; mit den Flügeln der Winde aber die subtilen und erhabenen Kenntnisse und Begriffe der Geister. Über alledem ist sein Wesen und niemand kann es aus sich erreichen.



09.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
NEUNTES KAPITEL

Der Glaube dient dem Verstande als nächstes und angemessenes
Mittel, die Seele zur göttlichen Liebesvereinigung zu führen. —
Beweise aus der Heiligen Schrift.
1. Aus dem Gesagten ergibt sich: zur Bereitung auf die göttliche Vereinigung halte sich der Verstand lauter und leer von allem Sinnenfähigen, sowie entblößt und entleert von allem, was dem Verstände deutlich einleuchten kann, so dass er zuinnerst beruhigt und schweigend im Glauben verharrt als im nächsten und angemessenen Mittel zur Vereinigung der Seele mit Gott; es besteht ja zwischen dem Glauben und Gott so große Ähnlichkeit, dass es keine andere Unterscheidung gibt als Gott schauen oder glauben. Denn so wie Gott unendlich ist, stellt Ihn der Glaube unendlich vor; und wie Er dreifach und einfach ist, stellt der Glaube Ihn dreifach und einfach vor; und da Gott für unseren Verstand Finsternis ist, blendet und verdunkelt der Glaube unseren Verstand. Und so offenbart Gott sich der Seele einzig durch dieses Mittel in göttlichem Licht, das jedes Verstehen übersteigt. Je mehr Glauben also die Seele hat, um so inniger ist sie mit Gott vereint.
Dies wollte der hl. Paulus in der oben angeführten Stelle mit den Worten sagen: Wer Gott naht, muss glauben (Hebr 11,6), also im Glauben auf Ihn zugehen, mit blindem Verstand blind, im Dunkel des bloßen Glaubens; denn in dieser Finsternis vereinigt sich Gott dem Verstande, ja Er selbst ist in ihr verborgen, wie David es sagt mit den Worten: Dunkelheit unter den Füßen, stieg Er auf Cherubim, flog auf den Flügeln des Windes. Er barg sich in Finsternis und finsterem Regengewölk.



08.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ACHTES KAPITEL

6. Darum wird die Beschauung, durch die der Verstand zu höherer Gotteserkenntnis gelangt, mystische Theologie genannt, nämlich geheime Gottesweisheit, denn sie bleibt dem Verstände, der sie empfängt, geheim. Aus diesem Grunde nennt der hl. Dionysius sie Strahl der Finsterni1. Der Prophet Baruch sagt von ihr (3, 23): Keiner ist, der ihren Weg wüsste, keiner, der ihre Pfade erforscht. So ist es klar, dass der Verstand für alle Pfade, die ihm offenstehen, blind sein muss, um sich mit Gott zu vereinigen. Aristoteles sagt, unser Verstand werde vom überhellen Lichte Gottes so völlig verfinstert, wie das Auge der Fledermaus von der Sonne völlig verfinstert wird. Und er sagt weiter: Je erhabener und heller das Göttliche in sich ist, um so unfassbarer und dunkler ist es für uns. Auch der Apostel bestätigt dies mit den Worten: Das Erhabene in Gott ist den Menschen minder bewusst (vgl. 1 Kor 1, 21).
Wir kämen an kein Ende, wollten wir mit Beweisstellen und -gründen darlegen, dass die geschaffenen Dinge, die der Verstand erfassen kann, ihm niemals als Treppe dienen können, zu diesem erhabenen Herrn aufzusteigen. Man sei vielmehr überzeugt: wollte der Verstand sich all dieser Dinge oder einiger aus ihnen bedienen als des entsprechenden Mittels zu jener Vereinigung, sie wären ihm nicht nur ein Hindernis beim Besteigen dieses Berges, sondern Anlass zu argen Irrwegen und Täuschungen.



07.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ACHTES KAPITEL

5. Es kann also in diesem Stande der Sterblichkeit kein Erkennen und keine übernatürliche Wahrnehmung als entsprechendes Mittel der erhabenen Liebesvereinigung mit Gott dienen. Denn was immer der Verstand verstehen, der Wille verkosten und die Einbildungskraft hervorbringen mag, ist (wie gesagt) Gott sehr unähnlich und unangemessen.
Dies gibt Isaias an einer bemerkenswerten Stelle wunderbar zu verstehen, da er sagt: Wem wolltet ihr Gott nachbilden ? Oder unter welcher Gestalt wollt ihr ihn darstellen ? Kann etwa der Erzgießer ein künstliches Bild von ihm schaffen oder der Goldschmied ihn aus Gold, der Silberschmied auf Silberplatten formen ? (40, 18-19.)
Mit dem Erzgießer ist der Verstand gemeint, der die Begriffe gießt und aus der Gussform der Unterscheidungen und Erdichtungen herauslöst.
Mit dem Goldschmied ist der Wille gemeint, der fähig ist, sich durch die Wonne gestalten und bilden zu lassen, die das Gold der Liebe ihm verleiht.
Mit dem Silberschmied — von dem es heißt, er könne Gott nicht auf Silberplatten formen — ist das Gedächtnis samt der Einbildungskraft gemeint, von denen man gut sagen kann, die Begriffe und Bilder, die sie erdichten und gestalten, sind wie Silberplatten.
Damit ist gesagt: weder kann der Verstand mit seiner Klugheit etwas erdenken, was Gott ähnlich ist, noch kann der Wille süße Wonne genießen, die Gott gleichkäme, noch das Gedächtnis die Einbildungskraft zu Begriffen und Bildern anregen, die ihn darstellen.
So ist es also klar, dass keine dieser Erkenntnisse den Verstand unmittelbar auf den Weg zu Gott bringen kann. Vielmehr muss man, um zu Ihm zu gelangen im Nichtwissen wandeln und nicht im Wissenwollen, und um sich dem göttlichen Strahl zu nähern, sich eher in Blindheit und Finsternis versetzen, als die Augen zu öffnen.



06.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ACHTES KAPITEL

4. Ebenso wenig ist alles, was die Einbildungskraft zu gestalten und der Verstand in diesem Leben aufzunehmen und zu begreifen vermag, ein entsprechendes Mittel für die Vereinigung mit Gott, und kann es nicht sein. Da nämlich, natürlich gesprochen, der Verstand nur erfasst, was ihm unter den Formen und Bildern jener Dinge eingeht, die er mit leiblichen Sinnen wahrnimmt und die, wie gesagt, nicht als Vermittlung zu Gott dienen können, so kann man sich des natürlichen Verstandes nicht bedienen. Sprechen wir dann vom Übernatürlichen, soweit es in diesem Leben sein kann, so hat die gewöhnliche Verstandeskraft im Kerker dieses Leibes weder die Anlage noch den Raum zum Empfang einer klaren Gotteserkenntnis; denn nur durch Sterben ist sie zu empfangen.
Als Moses Gott um diese klare Erkenntnis bat, antwortete Gott, man könne ihn nicht schauen, indem er sprach: Kein Mensch schaut mich und lebt (Ex 33, 20). Der hl. Johannes sagt: Noch nie hat jemand Gott geschaut (1,18). Und der hl. Paulus sagt (iKor 2, 9) mit Isaias (64, 4): Kein Auge hat ihn gesehen, kein Ohr hat ihn gehört, und keines Menschen Herz hat ihn erfasst. Dies ist auch der Grund, warum Moses nach dem Bericht der Apostelgeschichte (7, 3 2) am Dornbusch in Gottes Gegenwart nicht aufzuschauen wagte; denn er erkannte, dass sein Verstand nicht imstande sei, Gott geziemend so zu begreifen, wie er ihn empfand. Und von Elias, unserem Vater, wird erzählt, dass er sich auf dem Berge in Gottes Gegenwart das Antlitz verhüllte (3 Kg 19, 13) zum Zeichen der Blendung des Verstandes. Dies tat er hier, weil er nicht wagte, mit so gemeiner Hand nach einem so erhabenen Gegenstand zu greifen in der klaren Einsicht, dass alles, was er wahrnehmen und im einzelnen verstehen könnte, Gott sehr ferne und unähnlich wäre.



05.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ACHTES KAPITEL

3. Dabei wird uns bewusst, dass es unter allen hohen und niederen Geschöpfen keines gibt, das Gott nahe käme oder seinem Wesen ähnlich wäre. Wohl ist es wahr, dass sie alle, wie die Theologen sagen, in einer gewissen Beziehung zu Gott stehen und eine Spur Gottes an sich tragen - die einen mehr, die anderen weniger, je nach ihrem mehr oder minder edlen Sein -, doch in einer wesenhaften Beziehung oder Ähnlichkeit zu Gott stehen sie nicht. Vielmehr ist die Entfernung zwischen seinem göttlichen Sein und dem ihren unendlich. Deshalb ist es dem Verstände unmöglich, durch Vermittlung eines Geschöpfes, sei es himmlisch oder irdisch, in Gott einzudringen; denn es besteht kein Verhältnis auf Grund von Ähnlichkeit.
Darum sagt David von den himmlischen Wesen: Keiner von den Göttern kommt dir gleich, o Herr (Ps 85, 8), wobei er die Engel und die heiligen Seelen Götter nennt. Und an anderer Stelle: O Gott, in Heiligkeit ist dein Weg. Wo ist ein Gott, so groß wie unser Gott ? (Ps 76, 14.) Dies will besagen: Der Weg zu Dir, o Gott, ist ein heiliger Weg, nämlich Reinheit des Glaubens. Und die Frage: Wo wäre ein so großer Gott, ist so zu verstehen: Welcher Engel noch so erhaben an Wesen und welcher Heilige noch so erhaben an Glorie, wäre groß genug, ein angemessener und zulänglicher Weg zu Dir zu sein? David spricht auch von den irdischen und himmlischen Geschöpfen gemeinsam und sagt: Erhaben ist der Herr. Er schaut auf das Niedere herab und das Hohe erkennt er von ferne (Ps 137, 6). Damit meint er: Da Gott sehr erhaben ist, sieht Er die Dinge hienieden im Vergleich zu Seinem hohen Wesen als sehr gering; und die hohen Dinge, nämlich die himmlischen Wesen, schaut und erkennt Er doch als sich sehr ferne. Folglich kann keines aus allen Geschöpfen dem Verstand als angemessenes Mittel zum Erfassen Gottes dienen.


04.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ACHTES KAPITEL

2. Es ist zu beachten, dass, nach einem Grundsatz der Philosophie, alle Mittel dem Ziele angemessen sein, nämlich eine gewisse Verwandtschaft und Ähnlichkeit mit ihm aufweisen müssen, um zu genügen und hinzureichen zur Erlangung des erstrebten Zieles.
Ich bringe ein Beispiel. Jemand will sich in eine Stadt begeben. Da wird er wohl den verbindenden Weg gehen müssen, der zu dieser Stadt führt.
Ein anderes Beispiel. Feuer soll ein Holz ergreifen und entflammen. Da muss notwendig die Hitze als das Mittel zunächst das Holz zu so viel Wärmegraden erhitzen, dass es dem Feuer sehr ähnlich und angepasst ist. Wollte man nun das Holz anders als durch die Hitze, die das geeignete Mittel ist, zubereiten, etwa durch Luft, Wasser oder Erde, so könnte sich das Holz unmöglich mit dem Feuer verbinden, wie man auch nicht in die Stadt kommen würde, wenn man nicht den entsprechenden Weg einschlägt, der mit ihr verbindet.
Soll sich also der Verstand in diesem Leben mit Gott vereinigen, so weit er es vermag, so muss er notwendig das Mittel anwenden, das zu Gott hinführt und die nächste Ähnlichkeit mit Ihm aufweist.



03.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ACHTES KAPITEL

Kein Geschöpf und kein Wissen, das der Verstand erfasst, kann als nächstes Mittel der göttlichen Vereinigung mit Gott dienen.
1. Ehe wir vom geeigneten und angemessenen Mittel zur Vereinigung mit Gott, das ist vom Glauben, sprechen, wollen wir erweisen, wie kein erschaffenes oder erdachtes Ding dem Verstände als geeignetes Mittel zur Vereinigung mit Gott dienen kann und wie alles, was dem Verstände erreichbar ist, eher als Hindernis denn als Mittel dient, wenn man sich daran festhalten will.
In diesem Kapitel wollen wir es im allgemeinen nachweisen, um dann im einzelnen davon zu sprechen, indem wir sämtliche Erkenntnisse, die der Verstand durch irgendeinen äußeren oder inneren Sinn aufzunehmen vermag, absteigend durchgehen samt den Nachteilen und Schäden, die alle diese inneren und äußeren Erkenntnisse verursachen können, wenn man sich nicht an das geeignete Mittel, den Glauben hält.



02.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SIEBENTES KAPITEL

12. Ich will mich darüber nicht mehr verbreiten, obwohl ich gar nicht aufhören möchte, davon zu sprechen; denn ich sehe, dass Christus von jenen, die sich für Seine Freunde halten, sehr wenig gekannt wird. Sehen wir doch, wie sie in Ihm Freude und Trost suchen aus großer Liebe zu sich selbst, nicht aber seine Bitterkeiten und Todesnöte aus großer Liebe zu ihm.
Ich spreche von jenen, die sich für seine Freunde halten, nicht von den anderen, die fern und getrennt von ihm leben, den großen Gelehrten und Machthabern und ihresgleichen, die da mit der Welt leben, auf ihre Ansprüche und Vorrechte bedacht, so dass wir von ihnen sagen können, sie kennen Christus nicht, und so gut sie enden mögen, es wird ihnen doch bitter ergehen; von diesen ist hier nicht die Rede; beim Gericht aber wird von ihnen die Rede sein. Solchen Leuten hätte es ja vor allem geziemt, das Wort Gottes zu künden, da Gott sie durch Gelehrsamkeit und hohen Stand zu Ansehen erhoben hat.

13. Doch wir wenden uns nun an das Verständnis der geistlich Strebenden und besonders jener, denen Gott die Gnade erwiesen hat, sie in den Stand der Beschauung zu versetzen. Ich sagte ja schon, dass ich nun besonders zu diesen spreche, um ihnen zu sagen, wie sie sich im Glauben zu Gott hinwenden, von allen Widerständen reinigen und sich schmal machen sollen, um den schmalen Pfad der dunklen Beschauung zu betreten.



01.05.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SIEBENTES KAPITEL

9. Ich habe gesagt, Christus ist der Weg und dieser Weg ist ein Sterben der sinnlichen und geistigen Natur nach. Nun möchte ich erklären, wie dies nach dem Vorbilde Christi geschieht; denn er ist unser Vorbild und Licht.

10 a) Was das erste anlangt, so ist es sicher, dass er der Sinnlichkeit erstarb, und dies während seines Lebens geistigerweise und in seinem Tode natürlicherweise. Er hatte ja, wie er sagt, im Leben nichts, sein Haupt hinzulegen (Mt 8, 20) und im Tode noch viel weniger.

11 b) Was das zweite anlangt, so war er gewiss im Augenblicke seines Todes auch der Seele nach vernichtet, ganz ohne Trost und Hilfe, da der Vater ihn dem niederen Bereich nach innerster Trockenheit überließ. Dies drängte ihn zu dem Schrei: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen ? (Mt 27, 46.) Es war die tiefste fühlbare Verlassenheit seines Lebens. Und in ihr wirkte er das größte Werk, das er in seinem gesamten Leben mit Wundern und Taten sowohl auf Erden wie auch im Himmel je vollbrachte, nämlich die Versöhnung und Vereinigung des Menschengeschlechtes durch die Gnade mit Gott. Und solches geschah, wie gesagt, in dem Zeitpunkt, als unser Herr zumeist in allem vernichtet war; nämlich hinsichtlich seines Rufes bei den Menschen: denn da sie ihn sterben sahen, spotteten sie seiner, ohne ihn im geringsten zu achten; und hinsichtlich der Natur, die ja durch den Tod dem Nichts verfiel; und hinsichtlich des Schutzes und der Tröstung des Geistes durch den Vater, der ihn zu dieser Stunde verließ, damit er, zunichte geworden und wie aufgelöst, voll die Schuld bezahle und den Menschen mit Gott vereinige. Darum sagt David: Ad nihi-lum redactus sum et nescivi. — Ich bin zunichte geworden und weiß nicht wie (Ps 72, 22).
Dem möge der gut im Geiste Strebende das Geheimnis der Türe und des Weges Christi zur Vereinigung mit Gott entnehmen und erkennen, dass er sich um so inniger mit Gott vereint und um so Größeres wirkt, je mehr er sich in beiden Bereichen, im sinnlichen und im geistigen, vernichtet. Und gelangte er zur Auflösung in nichts, was höchste Demut wäre, so wäre die geistige Vereinigung der Seele mit Gott vollendet. Dies ist der erhabenste Stand, den die Seele in diesem Leben erreichen kann.
Er besteht also nicht in geistiger Lust und Freude und Empfindung, sondern im erlebten Kreuzestod, sinnlich und geistig, nämlich innerlich und äußerlich.



30.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SIEBENTES KAPITEL

8. Darum möchte ich die geistlich Strebenden davon überzeugen, dass dieser Weg zu Gott nicht in der Vielfalt der Erwägungen besteht, noch in Methoden und Übungsweisen oder Genüssen (wenn diese auch gewissermaßen den Beginnenden nötig sind), sondern nur in dem einzig Notwendigen: Im Verstehen, sich wahrhaft zu verleugnen, im Äußeren und Inneren, sich um Christi willen dem Leiden zu überlassen und sich in allem zu vernichten. Übt man sich darin, so ist alles übrige und noch mehr mitgetan und mitgefunden. Und fehlt es an dieser Übung, die Inbegriff und Wurzel aller Tugenden ist, so sind alle anderen Weisen nur wie das Aufschießen von unnützen Wassertrieben, möge man auch an erhabenen Erwägungen und Eingebungen den Engeln gleichen. Denn nichts anderes bringt voran als nur die Nachfolge Christi. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, und niemand kommt zum Vater als nur durch ihn, wie Er selbst durch den hl. Johannes sagt (14, 6). Und an anderer Stelle sagt er: Ich bin die Tür. Wer durch mich eingeht, wird gerettet (10, 9). Darum würde ich einen Geist, der im Genüsse unbeschwert dahingehen wollte und die Nachfolge Christi vermiede, nicht für gut halten.



29.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SIEBENTES KAPITEL

7. Dieser Kelch bedeutet, seiner eigenen Natur absterben, sie entblößen und vernichten, um den schmalen Pfad wandeln zu können in allem, was den Sinnen zugehört, wovon wir schon sprachen, wie auch im Seelischen, wovon wir nun sprechen wollen, nämlich in ihrem Verstehen, ihrem Genießen und ihrem Empfinden. So zwar, dass sie sich nicht nur im Sinnlichen und Geistigen entäußert, sondern in diesem zweiten, Geistigen, für den schmalen Pfad in keiner Weise behindert ist; denn hier gilt nur noch die Entsagung (wie der Heiland es lehrt) und das Kreuz. Dies ist der Wanderstab, der das Vorankommen sehr beschleunigt und erleichtert. Darum sagt unser Herr durch den hl. Matthäus: Mein Joch ist süß und meine Bürde leicht (11, 30), nämlich das Kreuz. Beschließt der Mensch, sich dem Kreuztragen zu unterwerfen, also ehrlich in allen Dingen um Gottes willen Mühsal zu suchen und auf sich zu nehmen, so wird er viel Erleichterung und Linderung finden, um diesen Weg zu wandeln, von allem entblößt und ohne etwas zu erstreben. Sowie er indessen irgend etwas zu eigen beansprucht, sei es von Gott oder einem anderen Wesen, so wandelt er nicht mehr entblößt in vollem Entsagen und vermag diesen schmalen Pfad aufwärts nicht zu bewältigen.



28.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SIEBENTES KAPITEL

6. O wer könnte begreiflich machen, wie weit nach dem Wunsche unseres Herrn diese Verleugnung gehen soll! Sicher soll sie einem gänzlichen Sterben und Untergehen in zeitlicher und natürlicher und geistiger Hinsicht nach Absicht des Willens gleichkommen; denn im Willen vollzieht sich der gesamte Verzicht.
Dies will unser Heiland sagen mit den Worten: Wer seine Seele retten will, wird sie verlieren (Jo 12, 25). Dies bedeutet:
Wer irgend etwas besitzen oder für sich erstreben wollte, würde die Seele verlieren. Und wer die Seele um meinetwillen verliert, wird sie gewinnen. Dies bedeutet: Wer um Christi willen allem entsagt, was sein Wille anstreben und verkosten könnte, und das erwählt, was mehr dem Kreuze gleicht — dies nennt unser Herr durch den hl. Johannes seine Seele hassen -, der wird sie gewinnen.
Und eben dies lehrte unser Herr auch jene beiden Jünger, die das Sitzen zu seiner Rechten und Linken erbitten wollten. Ohne das Ansuchen um solche Herrlichkeit zu beachten, bot er ihnen den Kelch an, den er selbst trinken sollte, wie etwas, das auf Erden kostbarer und sicherer ist als der Genuss (Mt 20, 22).



27.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SIEBENTES KAPITEL

5. O wer vermöchte es nun, diesen Rat unseres Heilandes, uns selbst zu verleugnen, recht verstehen und befolgen und verkosten zu lassen, damit die geistlich Strebenden einsehen, wie anders sie zu wandeln hätten, als viele von ihnen es meinen! Sie halten eine gewisse Zurückgezogenheit und Erneuerung in einigen Belangen für genügend. Andere geben sich zufrieden mit einiger Tugendübung, Ausdauer im Gebete und Pflege der Abtötung; doch sie kommen nicht zu der geistlichen Blöße, Armut, Trennung und Reinheit (all dies ist ein und dasselbe), die der Herr uns hier anrät. Vielmehr gehen sie eher darauf aus, ihre Natur mit Tröstungen und geistigen Gefühlen zu nähren und zu kleiden, als sie Gottes wegen in dem und jenem zu entblößen und zu verleugnen. Sie meinen, es genüge, sich in weltlichen Dingen zu verleugnen, ohne die geistige Eigenart zu vernichten und zu läutern. Daraus ergibt sich, dass sie wie vor dem Tode fliehen, wenn sich etwas Gediegenes, Vollwertiges darbietet, wie der Verlust aller Süßigkeit in Gott durch Trockenheit, durch Überdruss, durch Mühsal. Dies ist das rein geistige Kreuz, die Entblößung der geistigen Armut Christi. Sie aber suchen in Gott nur Süßigkeiten und köstlichen Austausch. Dies ist keine Selbstverleugnung, keine Geistesentblößung, sondern geistige Naschhaftigkeit. So werden sie geistigerweise zu Feinden des Kreuzes Christi; denn der wahrhaftige Geist sucht in Gott eher das Herbe als das Liebliche, und er neigt sich mehr dem Leiden als dem Tröste zu und will lieber jegliches Gut um Gottes willen entbehren, als es besitzen, und Trockenheit und Trübsal sind ihm lieber als süßer Austausch. Er weiß ja, dass dies Nachfolge Christi und Selbstverleugnung ist. Das andere aber ist vielleicht nur ein Suchen seiner selbst in Gott und somit der Liebe ganz entgegen. Sich selbst sucht in Gott, wer Gaben und Vergnügen in Gott sucht. Doch Gott um seinetwillen suchen, bedeutet nicht nur die Bereitschaft, all dies aus Liebe zu Gott zu entbehren, sondern die Geneigtheit, um Christi willen das Herbere zu wählen, sowohl von seiten Gottes wie von seiten der Welt. Dies erst ist Gottesliebe.


26.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SIEBENTES KAPITEL

4. Daraus geht klar hervor, dass die Seele nicht nur von Seiten der Geschöpfe frei dahinschreiten muss, sondern auch von Seiten ihres Geistes enteignet und vernichtet. Unser Herr lehrt uns diesen Weg und führt uns auf ihn, da er durch Markus im achten Kapitel (34-35) jene wunderbare Lehre kündet, die von den geistlich Strebenden, ich weiß nicht, ob ich es sagen soll, um so weniger geübt wird, je nötiger sie es hätten. Da sie so gut zu unserem Gegenstande passt, will ich sie hier ganz bringen und sowohl ihrem wörtlichen wie auch nach ihrem geistigen Sinne nach erklären. Sie lautet so: Si quis vult me sequi, deneget semetipsum, et tollat crucem suam, et sequatur me. Qui enim voluerit animam suam sal-vam facere,perdet eam: qui autemperdiderit animam suampropter me ... salvam faciet eam. — Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen ... verliert, wird es retten.



25.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SIEBENTES KAPITEL

3. Dann heißt es, der Weg sei schmal, nämlich der Weg zur Vollkommenheit. Dies bedeutet: um den Weg zur Vollkommenheit zu gehen, muss man nicht nur durch die enge Pforte gehen, indem man sich abwendet von allem Sinnenhaften, sondern man muss sich auch schmal machen, indem man ehrlich verzichtet und den Ballast auch im geistigen Bereich abwirft. So können wir das über die enge Pforte Gesagte auf den sinnlichen Bereich des Menschen anwenden und das über den schmalen Weg auf den geistigen oder vernünftigen. Weil nämlich dieser Pfad auf den Berg der Vollkommenheit ansteigt und schmal ist, verlangt er nach Wanderern, die durch keine Last abwärtsgezogen und durch nichts am Aufstieg behindert werden. Da es nur darum geht, Gott zu suchen und zu gewinnen, so ist auch nur Gott zu suchen und zu gewinnen.



24.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SIEBENTES KAPITEL

Wie schmal ist der Pfad, der zum ewigen Leben führt, und wie
entblößt und frei müssen die sein, die ihn gehen wollen! -
Beginn der Lehre von der Entblößung des Verstandes.
1. Um nun die Blöße und Lauterkeit der drei Seelenkräfte darzulegen, wäre ein anderes Wissen und ein größerer Geist nötig als der meine, der den geistlich Strebenden gut verständlich machen könnte, wie schmal, nach dem Worte unseres Heilandes, der Weg ist, der zum Leben führt, damit sie, davon überzeugt, sich nicht wunderten ob der Leere und Blöße, in die wir die Seelenkräfte in dieser Nacht versetzen müssen.

2. Hierzu sind die Worte aufmerksam zu beachten, die unser Heiland durch Matthäus im siebenten Kapitel (V. 14) über diesen Weg sagt: Quam angusta porta, et arcta via est, quae ducit ad vi tarn, et pauci sunt qui inveniunt eam! — Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und nur wenige finden ihn! Bemerkenswert an dieser Schriftstelle ist die Steigerung und Betonung durch das Wörtlein quam, wie engl Dies will besagen: wahrhaftig sehr eng, enger als man meint!
Auch ist zu beachten, dass es zuerst heißt, die Pforte sei eng, um anzudeuten, dass die Seele zum Eingehen durch diese Pforte Christi, der der Anfang des Weges ist, sich zunächst einengen und den Willen von allen sinnlichen und zeitlichen Dingen entblößen muss, indem sie Gott über alles liebt. Dies gehört der schon besprochenen Nacht der Sinne zu.



23.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SECHSTES KAPITEL

7. In diesem Verfahren findet sich alle Sicherheit gegen die List des Teufels und die Machenschaften der Eigenliebe mit ihren Verzweigungen, wodurch geistlich Strebende auf ihrem Pfade oftmals in raffiniertester Weise irregeführt und gehemmt werden, da sie sich nicht zu entblößen und nach diesen drei Tugenden zu richten wissen. So kommen sie nie zur Wesenheit und Lauterkeit des geistigen Gutes und wandeln nicht, wie sie es könnten, den geraden und kurzen Weg.
8. Man beachte, dass ich mich nun eigens an jene wende, die den Beginn des Eingehens in den Stand der Beschauung schon hinter sich haben. Mit den erst Beginnenden muss dies eingehender besprochen werden, wie wir es im zweiten Buche tun wollen, wenn wir, mit Gottes Hilfe, ihre Eigenheiten behandeln.



22.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SECHSTES KAPITEL

6. In diese drei Tugenden haben wir nun die drei Seelenkräfte einzuführen, indem wir sie einzeln einander zuweisen zur Entblößung und Abdunkelung der Kräfte gegen alles, was nicht diese drei Tugenden betrifft. Dies ist die geistige Nacht, die wir oben aktiv nannten, weil die Seele tut, was an ihr liegt, um in diese Nacht einzugehen. Gleich wie wir zur Nacht der Sinne Anweisungen gaben für die Befreiung der sinnlichen Kräfte von den Begierden nach sichtbaren Dingen, damit die Seele jenseits ihrer Grenzen das Mittel ergreife, nämlich den Glauben, so werden wir, mit Gottes Gunst, für diese Nacht des Geistes die Weise angeben, wie die geistigen Kräfte leer gemacht und gereinigt werden können von allem, was nicht Gott ist, um in der Dunkelheit dieser drei Tugenden zu verharren, die, wie gesagt, das Mittel sind zur Bereitung der Seele für die Vereinigung mit Gott.



21.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SECHSTES KAPITEL

5. Hier möchten wir jenes Gleichnis erwähnen, das unser Erlöser durch den hl. Lukas (11, 5) vorlegt. Er spricht von einem Freund, der um Mitternacht drei Brote von seinem Freunde erbitten musste. Diese Brote bedeuten die drei Tugenden. Es heißt, dass er mitten in der Nacht um sie bat. Dies besagt, dass die Seele ihre Kräfte allen Dingen gegenüber abdunkeln muss, um die drei Tugenden zu erlangen und in dieser Nacht zu vervollkommnen.
Im sechsten Kapitel des Buches Isaias lesen wir (V. 2) von den beiden Seraphim, die der Prophet zu Seiten Gottes schaute. Jeder hatte sechs Flügel. Mit zweien bedeckten sie die Füße zum Zeichen des Blendens und Verlöschens der Neigungen des Willens hinsichtlich aller Dinge Gottes wegen; und mit zwei bedeckten sie ihr Antlitz zum Zeichen der Verfinsterung des Verstandes vor Gott; und mit den übrigen flogen sie zum Zeichen, dass der Flug der Hoffnung sich zu den nicht erlangten Dingen erhebt, weit über alles hinaus, was man hier oder dort außer Gott zu besitzen vermöchte.



20.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SECHSTES KAPITEL

4. Ebenso macht die Liebe den Willen leer von allen Dingen, denn sie verpflichtet uns, Gott über alles zu lieben. Dies ist nicht möglich ohne Abkehr unserer Neigung von jeglichem Geschöpf, um sie ganz Gott zuzuwenden. Darum sagt Christus durch den hl. Lukas: Qui non renuntiat omnibus quae possidet, non potest meus esse discipulus. — Wer nicht allem mit dem Willen entsagt, was er hat, kann mein Jünger nicht sein (14, 33). So bewirken alle drei Tugenden Dunkelheit und Leere von allen Dingen in der Seele.



19.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SECHSTES KAPITEL

3. Was nun die Hoffnung angeht, so versetzt sie zweifellos das Gedächtnis in Leere und Finsternis hinsichtlich des Diesseits wie des Jenseits. Hoffnung richtet sich ja stets auf das, was man nicht besitzt; besäße man es, so wäre es nicht mehr Hoffnung. Darum sagt der hl. Paulus den Römern: Spes, quae videtur, non est spes; nam quod videt quis, quid sperat ? ~ Hoffnung, durch die man sieht, ist keine Hoffnung mehr. Wie könnte man erhoffen, was man schon sieht, also besitzt? (8, 24.) Folglich schafft auch diese Tugend Leere; denn sie gilt dem, was man nicht hat, und nicht dem, was man hat.



18.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SECHSTES KAPITEL

2. Alle drei Tugenden schaffen, wie wir sagten, Leere in den Fähigkeiten: der Glaube versetzt im Verstände das Verstehen in Leere und Dunkelheit; die Hoffnung macht das Gedächtnis leer von allem Besitz, und die Liebe entleert den Willen und entblößt das Gemüt von jeder Freude an etwas, das nicht Gott ist.
Denn der Glaube sagt uns, wie wir schon sahen, was mit dem Verstände nicht zu verstehen ist. Dies lehrt der hl. Paulus die Hebräer mit den Worten: Fides est sperandarum substantia rerum, argumentum non apparentium (11, 1). Er nennt in unserem Sinne den Glauben die Substanz des Erhofften. Wohl stimmt der Verstand ihm fest und sicher zu; doch die Dinge enthüllen sich dem Verstände nicht; enthüllten sie sich, so wäre es nicht mehr Glaube. Der macht sie zwar dem Verstände sicher, aber nicht klar, sondern lässt sie im Dunkeln.



17.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
SECHSTES KAPITEL

Die drei theologischen Tugenden sollen die drei Seelenkräfte vervollkommnen und sie in Leere und Dunkelheit versetzen.
1. Da es sich nun darum handelt, die drei Seelenkräfte, Verstand, Gedächtnis und Willen, dieser geistigen Nacht, die das Mittel zur göttlichen Vereinigung ist, einzufügen, so ist es zunächst nötig, in diesem Kapitel zu erklären, wie die drei theologischen Tugenden zu den drei Seelenkräften in Beziehung stehen als deren übernatürliches Objekt, so dass die Seele sich mittels ihrer Kräfte mit Gott vereinigt, und wie die Tugenden Leere und Dunkelheit schaffen, jede in der ihr zugehörenden Fähigkeit: der Glaube im Verstand, die Hoffnung im Gedächtnis und die Liebe im Willen.
Dann wollen wir zeigen, wie der Verstand sich in der Finsternis des Glaubens, wie das Gedächtnis sich in der Leere der Hoffnung zu vollenden hat, und wie auch der Wille in das Darben des ganz entblößten Gemütes eingehen muss, um zu Gott zu gelangen.
Dies wird klar machen, dass die Seele, die in Sicherheit den geistigen Weg wandeln will, notwendig die dunkle Nacht durchschreiten muss, gestützt auf die drei Tugenden, die der Seele alles nehmen und sie im Dunkeln lassen. Denn, wie schon gesagt: die Seele vereinigt sich mit Gott in diesem Leben nicht durch Verstehen, noch durch Genießen, noch durch Vorstellungen, noch durch irgend etwas Sinnenhaftes, sondern nur verstandesmäßig durch den Glauben, gedächtnismäßig durch die Hoffnung und willensmäßig durch die Liebe.



16.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
FÜNFTES KAPITEL

11. Obwohl wir nun auch in diesem Leben schon manche Seelen gleich fried- und ruhevoll im Stande der Vollkommenheit finden und jede einzelne zufrieden ist, so könnte doch die eine viele Stufen höher stehen als die andere, und beide wären gleich gesättigt, denn ihre Fassungskraft ist ausgefüllt. Wer aber nicht die Reinheit erreicht, die seiner Fassungskraft entspricht, kommt nie zum wahren Frieden und Genügen, weil seine Kräfte nicht entblößt und leer sind; dies aber ist nötig für die reine Vereinigung mit Gott.



15.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
FÜNFTES KAPITEL

10. In gleicher Weise, so dürfen wir sagen, ergeht es den Seelen mit Gott hinsichtlich dieser Erleuchtung und Umgestaltung. Sicherlich kann jede Seele, je nach ihrer geringeren oder größeren Fassungskraft, zur Vereinigung gelangen, doch nicht allen wird sie in gleichem Maße zuteil, sondern je nachdem der Herr sie einer jeden gewähren will. So ist es ja auch mit der Schau im Himmel: Die einen sehen mehr, die anderen weniger; doch alle schauen Gott, und alle sind zufrieden, denn ihre Fassungskraft ist ausgefüllt.



14.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
FÜNFTES KAPITEL

9. Auch folgender Vergleich mag es verständlich machen: Da ist ein vollendet schönes Bild in erhabenster Kunst mit erlesensten Farben in zartestem Schmelz gemalt; in manchen Tönungen von so künstlerisch höchster Feinheit, dass man sie ob ihrer subtilen Werte kaum zu bestimmen vermag. Wer nun einen minder hellen und geklärten Blick hat, wird weniger Kunst und Feinheit in diesem Bilde entdecken, wer aber einen reineren Blick hat, wird mehr Kunst und Vollendung erschauen; hätte dann einer noch hellere Augen, er nähme noch mehr Vollkommenes wahr; endlich käme der mit reinster Sehkraft begabte zur Sicht noch weiterer künstlerischer Meisterschaft. Denn an diesem Bilde ist soviel zu sehen, dass man, wieviel man auch schon entdeckt hat, immer noch mehr zu entdecken vermag.



13.04.2019
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AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
FÜNFTES KAPITEL

8. Nun ist es klarer, dass die Seele, wie gesagt, nicht durch Verstehen, noch durch Verkosten, noch durch Fühlen, noch durch eine bildhafte Vorstellung Gottes dieser Vereinigung bereitet wird, sondern durch Reinheit und Liebe, die sich alles dessen in vollkommener Gelassenheit Gott zuliebe entblößt; auch dass vollkommene Umgestaltung nicht sein kann, wo nicht vollkommene Reinheit ist; und dass im Verhältnis zur Reinheit die Erhebung, Durchleuchtung und Vereinigung der Seele mit Gott größer oder geringer sein wird. Vollkommen aber, sage ich, wird sie nicht sein, wenn nicht alles vollkommen und klar und rein ist.



12.04.2019
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AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
FÜNFTES KAPITEL

7. Gibt die Seele Raum, befreit sie sich nämlich von aller Trübung und Befleckung durch Geschöpfe, wodurch sie den Willen vollkommen dem Willen Gottes vereint - lieben heißt ja danach streben, Gott zuliebe von allem frei und bloß zu werden, was nicht Gott ist – so wird sie alsbald hell und umgebildet in Gott, und Gott teilt ihr sein übernatürliches Wesen so mit, dass sie selbst wie Gott erscheint und das umfängt, was Gott umfängt.
Diese Vereinigung vollzieht sich, wenn Gott der Seele diese übernatürliche Gnade verleiht, dass die Dinge Gottes und der Seele eins sind in teilnehmender Umgestaltung. Die Seele scheint mehr Gott zu sein als Seele, und sie ist es auch durch Teilnahme. Freilich bleibt ihr Wesen, wenn auch umgestaltet, vom Wesen Gottes so unterschieden wie zuvor, gleichwie die Glasscheibe sich vom Strahl unterscheidet, der sie erhellt.



11.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
FÜNFTES KAPITEL

6. Zum besseren Verständnis des einen wie des anderen bringen wir einen Vergleich. Ein Sonnenstrahl fällt auf ein Glasfenster. Ist das Fenster nun durch Flecken getrübt oder angelaufen, so kann der Strahl es nicht so erhellen und ganz in sein Licht umgestalten, wie wenn es frei von diesen Trübungen und durchsichtig wäre; vielmehr wird er es um so weniger erhellen, je weniger es von Trübungen und Flecken frei ist, und um so besser, je reiner es ist. Das liegt nicht am Strahl, sondern am Fenster. Wäre es ganz klar und rein, der Strahl würde es so umbilden und erhellen, dass es selbst wie ein Strahl erschiene und ebenso Licht ausstrahlte wie er, obwohl die Glasscheibe in Wahrheit ihre vom Strahl verschiedene Natur beibehält. Wir dürfen jedoch sagen, sie sei Strahl oder Licht durch Teilnahme.
Die Seele nun gleicht diesem Fenster, da sie dauernd bestrahlt oder, besser gesagt, wesenhaft bewohnt ist von diesem Lichtenau des Daseins Gottes, wie wir schon sagten.



10.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
FÜNFTES KAPITEL

5. Dies wollte auch der hl. Johannes zu verstehen geben, als er sagte: Qui non ex sunguinibus, neque ex voluntate carnis, neque ex voluntate viri, sed ex Deo nati sunt (Joh 1,13). Mit anderen Worten: Gott gab die Macht, Kinder Gottes zu sein – durch Umgestaltung in Gott – nur jenen, die nicht aus dem Geblüte, nämlich nicht aus der natürlichen Beschaffenheit und Veranlagung geboren sind, auch nicht aus dem Willen des Fleisches, also nicht aus der Willkür natürlicher Tüchtigkeit und Fähigkeit, ebenso wenig aus dem Willen des Mannes. Damit ist jede Art und Weise des Urteilens und Begreifens mittels des Verstandes gemeint. Keinem von diesen gab er die Macht, Kind Gottes zu sein, sondern nur den aus Gott Geborenen. Aus der Gnade wiedergeboren, sterben sie zunächst alledem ab, was des alten Menschen ist, erheben sich über sich selbst zur Übernatur und empfangen von Gott jene Wiedergeburt und Kindschaft, die alles Denken übersteigt. Denn, wie der hl. Johannes an anderer Stelle schreibt: Nisi quis renatus fuerit ex aqua et Spiritu Sancto, non potest videre regnum Dei (3,5). – Wer nicht wiedergeboren wird im Heiligen Geist, kann das Reich Gottes – den Stand der Vollkommenheit – nicht schauen. In diesem Leben jedoch bedeutet Wiedergeburt im Heiligen Geist den Besitz einer Gott an Reinheit überaus ähnlichen Seele, an der keine Spur von Unvollkommenheit ist, so dass die lauteren Umgestaltung durch teilnehmende Vereinigung, wenn auch nicht wesenhaft, erfolgen kann.



09.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
FÜNFTES KAPITEL

4. Dies ist nicht nur von einem Widerstand in der Tat, sondern auch im Zustand zu verstehen. Es sind also nicht nur freiwillige Akte der Unvollkommenheit zu vermeiden, sondern die Zuständlichkeiten jedweder Unvollkommenheit sind zu vernichten. Da nun keinerlei Geschöpf und nichts von dessen Tätigkeiten und Fähigkeiten dem Göttlichen gleichkommt, so hat sich die Seele jeglichen Geschöpfes und all ihrer Tätigkeiten und Fähigkeiten zu entblößen, nämlich ihres Verstehens, Verkostens und Empfindens, um nach Beseitigung alles dessen, was Gott unähnlich und unangeglichen ist, das Ähnlichsein von Gott zu empfangen, so dass in ihr nichts verbleibt, was nicht Gottes Willen ist, wodurch sie sich in Gott umgestaltet.
Wohl ist wahr, wie gesagt, dass Gott stets in der Seele zugegen ist und ihr durch sein Wirken das natürliche Sein gibt und erhält; nicht aber verleiht Er ihr stets das übernatürliche Sein; denn dies teilt sich nur durch Liebe und Gnade mit, in der nicht alle Seelen stehen. Und stehen sie in der Gnade, so doch nicht im gleichen Grade; denn manche sind auf einer höheren, manche auf einer wenigen hohen Stufe der Liebe. Gott teilt sich jener Seele mehr mit, die in der Liebe weiter voran ist, deren Wille sich nämlich dem Willen Gottes mehr angleicht. Und hat eine ihren Willen ganz angeglichen und verähnlicht, so ist sie in übernatürlicher Weise gänzlich mit Gott vereinigt und in ihn umgestaltet.
Aus dem angedeuteten geht also hervor: Je mehr eine Seele, der Neigung und dem Gehaben nach, von den Geschöpfen und ihrer eigenen Tüchtigkeit eingenommen ist, um so weniger ist sie für die Vereinigung bereit; sie gibt ja Gott nicht restlos Raum, damit er sie ins Übernatürliche umgestalte. Die Seele hat also nichts weiter zu tun, als sich der natürlichen Widersetzlichkeiten und Unähnlichkeiten zu entblößen, auf dass Gott, der sich natürlich durch Natur mitteilt, auch übernatürlich durch Gnade mitteile.



08.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
FÜNFTES KAPITEL

3. Zum Verständnis der Vereinigung, von der wir sprechen wollen, ist zu beachten, dass Gott in jeder Seele, auch in der des größten Sünders der Welt, substantiell wohnt und wirkt. Diese Art der Vereinigung zwischen Gott und allen Geschöpfen besteht immer. Dadurch erhält Er sie in dem ihnen eigenen Sein. Würde dies fehlen, so wären sie sofort vernichtet und hörten auf zu sein.
Wenn wir nun von der Vereinigung der Seele mit Gott sprechen, so meinen wir nicht diese substantielle, die immer gegeben ist, sondern die Liebesvereinigung und Umgestaltung in Gott, die nicht immer gegeben ist, sondern nur mit der Ähnlichkeit aus Liebe. Darum heißt sie Vereinigung in Ähnlichkeit, so wie jene wesenhafte oder substantielle Vereinigung heißt. Diese ist natürlich, jene übernatürlich. Sie kommt zustande, wenn beide Willen, nämlich der Seele und Gottes, einander gleichförmig sind, so dass es in dem einen nichts gibt, was dem anderen widersteht. Wenn also die Seele restlos ausscheidet, was dem Göttlichen Willen widerstrebt oder ihm nicht eingefügt ist, findet sie sich durch Liebe umgestaltet in Gott.



07.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
FÜNFTES KAPITEL

2. Hier geht es nur um die vollständige und dauernde Vereinigung der Seelensubstanz samt ihren Kräften als dunklen Zustand der Vereinigung. Was den Akt anlangt, wollen wir nachher, mit Gottes Gunst, ausführen, dass eine dauernde Vereinigung der Kräfte in diesem Leben nicht möglich ist, sondern nur eine vorübergehende.



06.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
FÜNFTES KAPITEL

Das Wesen der Vereinigung mit Gott. – Ein Vergleich.
1. Dem zuvor Gesagten ist einigermaßen zu entnehmen, was wir hier unter der Vereinigung der Seele mit Gott verstehen; so wird das noch zu Sagende besser begreiflich. Es ist nun nicht meine Absicht, ihre unterschiedlichen Weisen und Teile zu behandeln; ich käme an kein Ende, wenn ich nun erklären wollte, worin die Vereinigung des Verstandes besteht und worin die des Willens und ebenso des Gedächtnisses, ferner wie sie diesen Kräften nach vorübergehend oder dauernd sein kann und schließlich vollständig – vorübergehend oder dauernd – durch Zusammenschluss der genannten Kräfte. Im Laufe der Ausführungen werden wir oft davon sprechen, bald in dieser, bald in jener Hinsicht. Hier dient es noch nicht zum Verständnis dessen, was wir zunächst sagen wollen, und am jeweils entsprechenden Ort wird es dem Verständnis besser dargeboten. Bei Fortführung des gleichen Gegenstandes verbindet sich das lebendige Beispiel dem gegenwärtigen Verstande und so kann jeder Umstand besser erfasst, verstanden und beurteilt werden.



05.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
VIERTES KAPITEL

8. Um weniger unklar voranzugehen, erscheint es mir nötig, im folgenden Kapitel zu erklären, was wir unter der Vereinigung der Seele mit Gott verstehen. Zwar wird der eben laufende Faden durchschnitten, doch dies geschieht nicht ohne Absicht, denn es dient der Beleuchtung des Gegenstandes. Das folgende Kapitel ist also gleichsam in Klammern dem gleichen Thema eingefügt. Danach kommen wir zur Behandlung der drei Seelen Kräfte im besonderen, bezogen auf die drei theologischen Tugenden im Hinblick auf diese zweite Nacht.



04.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
VIERTES KAPITEL

7. Wer also auf diesem Wege seine Fähigkeiten blind macht, wird das Licht schauen, wie es der Heiland im Evangelium in folgender Weise sagt: In iudicium veni in hunc mundum; ut qui non vident, videant, et qui vident, caeci fiant. – Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen; die Blinden sollen sehend, die Sehenden blind werden (Joh 9,39). Dies ist wörtlich von diesem geistigen Wege zu verstehen, nämlich in dem Sinne, dass die Seele, die sich im Dunkeln hält und blind macht gehen jedes eigene und natürliche Licht, übernatürlich sehen wird; jene hingegen, die sich auf irgendein Eigenlicht verlässt, blendet sich in diesem Maße und bleibt zurück auf dem Wege zur Vereinigung.



03.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
VIERTES KAPITEL

6. Ja, mit all ihrer Sehnsucht muss die Seele sich hinaussehnen über alles, was sie natürlicherweise geistig wissen und begreifen kann, um das zu erreichen, was sie in diesem Leben nicht zu wissen noch mit dem Herzen zu fassen vermag. Sie lasse alles zurück, was sie an Zeitlichem oder Geistigem in diesem Leben verkostet und fühlt oder verkosten und fühlen könnte, und sehne sich mit aller Sehnsucht nach dem, was jedwedes Fühlen und Verkosten übersteigt.
Und um dafür frei und leer zu bleiben, eigne sie sich in keiner Weise an, was ihr geistig oder sinnlich zuteil wird (worauf wir näher eingehen wollen, wenn wir es im besonderen behandeln), sondern schätze dies alles gering. Denn je höher sie von dem denkt, was sie begreift, verkostet und sich vorstellt, und je höher sie es schätzt, sei es nun geistig oder nicht, um so mehr behindert sie das höchste Gut und verzögert ihr Schreiten zu ihm. Und wäre das, was sie zu erfahren vermag, auch groß: Je geringer es sie dünkt, verglichen mit dem höchsten Gute, um so mehr wird sie dieses zu schätzen und folglich um so besser zu erlangen wissen.
Auf diese Weise nähert sich die Seele im Dunkeln großzügig der Vereinigung mittels des Glaubens, der auch dunkel ist und ihr eben dadurch das wunderbare Licht des Glaubens spendet. Dies ist sicher: Wollte die Seele sehen, sie würde schneller Gott gegenüber erblinden als einer, der die Augen auftut, ins volle Sonnenlicht zu schauen.



02.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
VIERTES KAPITEL

5. Auf diesem Wege ist demnach das Verlassen des Weges das Betreten des Weges; oder, besser gesagt, der Hindurchgang zum Ziele. Und das Lassen der eigenen Weise ist das Eingehen ins Ziel, das keine Weise hat, es ist ja Gott. Die Seele, die diesen Stand erreicht, hat keine eigenen Weisen mehr, sie hängt nicht daran und kann nicht daran hängen, ich meine an der Eigenart ihres Verstehens, Verkostens, Empfindens. Dennoch schließt sie alle diese Weisen in sich ein, wie jemand, der nichts besitzt und alles besitzt. Denn so wie sie Mut hat, sich über ihre begrenzte innere und äußere Natur hinauszuschwingen, geht sie ein in den übernatürlichen Bereich, der keine Weisen hat, weil er dem Wesen nach alle in sich enthält. Dahin gelangen, heißt ausgehen von hüben und drüben durch das Ausgehen aus sich und dadurch weit hinweg von dieser Niederung, hoch empor über alles.



01.04.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
VIERTES KAPITEL

4. Dies wollte auch der hl. Paulus sagen mit den Worten: Accedentem ad Deum oportet credere quod est. – Wer Gott naht, muss glauben, dass Er ist (Hebr 11,6). Dies soll besagen: Wer dahin kommen will, sich mit Gott zur Einheit zu verbinden, darf nicht verstandesmäßig vorangehen, noch sich auf sein Genießen oder sein Fühlen oder seine Phantasie stützen, sondern nur an Gottes Wesen glauben. Dieses aber ist nicht mit dem Verstande, noch mit dem Begehren, noch mit der Phantasie zu fassen, noch mit irgendeinem Sinn. Es kann überhaupt in diesem Leben nicht begriffen werden. Vielmehr ist das Erhabenste, das man fühlen und verkosten oder sonst wahrnehmen kann, unendlich von Gott und dem reinen Besitz Gottes entfernt. Isaias (64,3) und der hl. Paulus (1 Kor 2,9) sagen: Nec oculus vidit, nec audis audivit, nec in cor hominis ascendit, quae praeparavit Deus iis, qui diligunt illum. – Kein Auge hat es gesehen, und kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.
Die Seele möchte sich in diesem Leben durch die Gnade vollkommen mit dem vereinigen, dem sie im anderen durch die Glorie vereint sein soll: Da die Glorie aber, wie der hl. Paulus hier sagt, von keinem Auge geschaut, von keinem Ohr gehört und in kein Herz eines noch im Leibe lebenden Menschen gedrungen ist, so ergibt sich klar, dass die Seele, um in diesem Leben vollkommen zur Vereinigung durch Gnade und Liebe zu gelangen, sich gegen alles abdunkeln muss, was durch das Auge eindringen oder durch das Ohr aufgenommen werden oder mit der Phantasie ausgesonnen oder mit dem Herzen, das bedeutet hier die Seele, erfasst werden könnte.
Eine Seele behindert also ihren Aufstieg zu diesem erhabenen Stande der Vereinigung mit Gott gar sehr, wenn sie an irgendeinem Verstehen oder Fühlen oder Vorstellen oder Meinen oder Wollen nach ihrer Weise festhält oder an irgendeinem anderen ihr eigenen Werk oder Ding, weil sie sich dessen nicht ganz zu entledigen und zu entblößen vermag. Denn, wie gesagt, das, wonach sie strebt, ist über all dies erhaben, auch über das Höchste, das erkannt oder verkostet werden kann. Darum muss sie über all dies hinaus zum Nichtwissen gelangen.



31.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
VIERTES KAPITEL

3. Ein Blinder, der nicht ganz blind ist, lässt sich vom Blindenführer nicht gern leiten; vielmehr meint er, so wie er nur ein wenig sieht, der Pfad, den er eben sieht, sei der beste; er sieht ja die anderen, besseren nicht; und so kann er seinen Führer, der mehr sieht, irremachen; denn schließlich hat er mehr zu sagen als der Junge, der ihn führt. Stützt sich daher eine Seele, um diesen Weg zu gehen, auf irgendein eigenes Erkennen oder Fühlen Gottes, das vielleicht, mag es auch groß scheinen, doch sehr gering und Gott unähnlich ist, so verirrt sie sich leicht oder hält sich auf, weil sie sich nicht ganz blind dem Glauben überlässt, der ihr wahrer Führer ist.



30.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
VIERTES KAPITEL

2. Ich sage also: Um sich durch den Glauben gut zu diesem Stande führen zu lassen, muss die Seele das Dunkel wahren, nicht nur im Bereich ihrer Beziehungen zu den Geschöpfen und zeitlichen Dingen, nämlich im sinnlichen und niedrigen Teil (wovon wir schon sprachen), sondern sie muss sich auch blenden und abdunkeln im Bereich ihrer Beziehungen zu Gott und zum Geistigen, nämlich im vernünftigen und höheren Teil. Davon wollen wir nun sprechen. Denn dies ist klar: Will eine Seele zur übernatürlichen Umgestaltung gelangen, so muss sie alles, was ihrer Natur eignet, das Sensitive wie das Rationale, verdunkeln und übersteigen. Denn übernatürlich heißt ja, was über die Natur hinaus geht; das Natürliche bleibt dann unten.
Da nämlich diese Umgestaltung und Vereinigung nicht dem menschlichen Sinnen und Trachten zugehört, muss sich die Seele, soweit es an ihr liegt, im Gemüt, sage ich, und im Willen, leer halten von allem, was deutlich und gewollt in sie eindringen könnte, sei es von oben oder von unten. Was aber an Gott liegt – wer wollte Ihn hindern, in der gelassenen, vernichteten, entblößten Seele zu wirken, was Er will?
Die Seele hat sich also leer zu halten, als wäre sie dazu imstande, so zwar, dass sie auch im Besitzer vieler übernatürlicher Güter wie ihrer entblößt und im Dunkel sei – gleich einem Blinden -, gestützt auf den dunklen Glauben, durch ihn geführt und erleuchtet, nicht aber auf etwas gestützt, das sie begreift, verkostet, fühlt und ersinnt. Denn all dies ist Finsternis, die irreführt, und der Glaube ist über allem Verstehen und Verkosten und Empfinden und sich vorstellen.
Und wenn sie sich nicht gegen all dies blind macht, um völlig im Dunkeln zu bleiben, so kommt sie nicht zum Höheren, das der Glaube lehrt.



29.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
VIERTES KAPITEL

Ein allgemeiner Grundsatz: Auch die Seele muss, soweit es an ihr liegt, im Dunkeln sein, um durch den Glauben gut zur höchsten Beschauung geleitet zu werden.
1. Ich meine, es ist schon ein wenig verständlich geworden, wie der Glaube dunkle Nacht für die Seele ist und wie die Seele auch ihrerseits dunkel oder gegen ihr Licht abgedunkelt sein muss, um sich durch den Glauben zu diesem hohen Ziel der Vereinigung geleiten zu lassen. Damit die Seele sich jedoch zu verhalten wisse, wird es nun gut sein, etwas eingehender die Dunkelheit zu erklären, die sie erwirken muss, um in den Abgrund des Glaubens einzugehen. Darum will ich in diesem Kapitel im allgemeinen darüber sprechen, um dann später, mit Gottes Gunst, im einzelnen von der Weise zu reden, die einzuhalten ist, um nicht zu irren und einen solchen Führer nicht zu behindern.



28.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
DRITTES KAPITEL

6. Dem ist zu entnehmen, dass der Glaube, weil er dunkle Nacht ist, der Seele, die im Dunkel weilt, Licht spendet, damit an ihr wahr werde, was David darüber sagt: Nox illuminatio mea in deliciis meis. – Die Nacht wird mir zur Leuchte in meinen Wonnen (Ps 138,11). Damit ist gesagt: In den Wohnen meiner reinen Beschauung und Vereinigung mit Gott wird die Nacht des Glaubens mir Führung sein. Dies gibt deutlich zu verstehen, dass die Seele in Finsternis sein muss, um Licht für diesen Weg zu empfangen.



27.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
DRITTES KAPITEL

5. Wunderbar ist es, dass sie, dunkel wie sie war, die Nacht erleuchtete. Dies deutet an, dass der Glaube, der eine dunkle und finstere Wolke für die Seele ist – und zugleich Nacht, denn in Gegenwart des Glaubens ist die Seele ihres natürlichen Lichtes beraubt und erblindet – mit seiner Finsternis leuchtet und der Finsternis der Seele Licht spendet; denn der Schüler soll ja seinem Meister gleichen. Ein Mensch in Finsternis kann nur von einer anderen Finsternis her entsprechend erleuchtet werden, wie auch David es lehrt mit den Worten: Dies diei eructat verbum, et nox nocti indicat scientiam - Der Tag dem Tage raunt das Wort, die Nacht der Nacht das Wissen kündet (Ps 18,3). Um es deutlicher zu sagen: Der Tag, das ist Gott in der Seligkeit, wo es schon Tag ist, teilt den seligen Engeln und Seelen, die auch schon Tag sind, das Wort mit, nämlich Seinen Sohn; er spricht es aus, auf dass sie Ihn erkennen und genießen. Und die Nacht, das ist der Glaube der streitenden Kirche, in der es noch Nacht ist, kündet der Kirche das Wissen, somit jeder Seele, in der es ja Nacht ist, da ihr die beseligende lichte Weisheit mangelt, der Glaube aber ihr natürliches Licht blendet.



26.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
DRITTES KAPITEL

4. Ja, der Glaube übertrifft bei weitem, was die angeführten Beispiele zu verstehen geben, denn er vermittelt nicht bloß keine Evidenz und kein Wissen, sondern entzieht und blendet auch jegliches übrige Erkennen und Wissen, damit er richtig beurteilt zu werden vermag. Alles übrige Wissen wird mit dem Licht des Verstandes erworben: Das des Glaubens aber erwirbt sich nicht mit Verstandeslicht, das auf den Glauben hin verneint wird; im eigenen Licht entschwindet der Glaube, sofern dieses nicht verdunkelt wird. Darum sagt Issaias: Si non credideritis, non intelligetis.- Wenn ihr nicht glaubt, könnt ihr nicht verstehen (7,9).
Es ist also klar, dass der Glaube für die Seele dunkle Nacht ist und ihr gerade dadurch Licht gibt. Und je mehr er sie verdunkelt, um so heller leuchtet ihr sein Licht; denn indem er sie blendet, gibt er ihr Licht, wie auch Issaias sagt. Wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr nicht verstehen, d.h., werdet ihr kein Licht erhalten.
So hat der Glaube ein Sinnbild in jener Wolke, die die Kinder Israels von den Ägyptern trennte, als jene sich anschickten, das Rote Meer zu durchschreiten. Die Heilige Schrift nennt sie nubes tenebrosa, et illuminans noctem, eine dunkle, die Nacht erleuchtende Wolke (Ex 14,20).



25.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
DRITTES KAPITEL

3. In solcher Weise wirkt der Glaube auf die Seele. Er spricht uns von Dingen, die wir niemals sahen, noch hörten, auch nicht vergleichsweise, da ihnen nichts vergleichbar ist. Natürliches Erkennen gibt uns kein Licht darüber, denn was der Glaube uns sagt, ist keinem unserer Sinne fassbar. Zwar wissen wir es durch das Gehör und wir glauben dem, der uns unterweist, doch mit Unterwerfung und Blendung unseres natürlichen Lichtes. Wenn der hl. Paulus sagt: Files ex auditu (Röm 10,17), so meint er: Der Glaube ist kein Wissen, das durch irgendeinen Sinn Eingang findet, sondern nur die Zustimmung der Seele zu dem, was sie mit dem Ohren vernimmt.



24.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
DRITTES KAPITEL

2. Aus sich vermag der Verstand nur auf natürlichem Wege zu erkennen, was ihm mittels der Sinne zukommt. Durch sie besitzt er Vorstellungen und Bilder von Gegenständen, die entweder selbst oder in Abbildern gegenwärtig sind. Auf andere Weise kommt er zu keinem Erkennen. Die Philosophen sagen: Ab obiecto et potentia paritur notitia. – Durch den Gegenstand und durch ihr Vermögen kommt die Seele zum Erkennen.
Würde man also jemandem von Dingen sprechen, die ihm nie unter-gekommen sind, auch nicht durch Vergleichbares, so wird ihm dies nicht mehr einleuchten, als hätte man ihm nichts gesagt.
Zum Beispiel: Sagte man jemandem, auf einer gewissen Insel gäbe es ein Lebewesen, das er nie gesehen habe, und vergliche man es nicht mit anderen, die er gesehen hat, so kann er sich davon kein Bild machen und weiß von diesem Lebewesen nicht mehr als zuvor,mögen sie ihm auch noch so viel davon erzählen.
Anhand eines deutlicheren Beispiels mag man es besser verstehen: Erklärte man einem Blindgeborenen, der nie eine Farbe gesehen hat, was weiß oder gelb sei, man könnte noch sie viel sagen, er würde nach wie vor nichts verstehen, weil er eben niemals solche Farben oder Vergleichbares wahrgenommen hat und es nicht beurteilen kann. Nur den Namen könnte er behalten, den er mit dem Gehör aufzunehmen vermag, doch ohne Gestalt und Bild, da er sie niemals sah.



23.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
DRITTES KAPITEL

Der Glaube ist eine dunkle Nacht für die Seele. – Mit guten Gründen erwiesen und durch die Heilige Schrift beglaubigt.
1. Die Theologen sagen, der Glaube sei ein sicheres und dunkles Gehaben der Seele. Und der Grund, warum er ein dunkles Gehaben ist, liegt darin, dass er uns Wahrheiten zu glauben vorstellt, die Gott selbst geoffenbart hat; erhaben über jedes natürliche Licht, überragen sie unverhältnismäßig jedes menschliche Verstehen.
Daher ist das überhelle Licht, das der Glaube verleiht, für die Seele dunkle Finsternis. Das Stärkere überwältigt und besiegt das Schwächere. Das Licht der Sonne überstrahlt alle anderen Leuchten so, dass sie im Sonnenglanz kein Licht mehr geben, denn unsere Sehkraft ist geblendet. Die Sonne gibt also im Hinblick auf die anderen Leuchten keine Sicht, sondern nimmt sie vielmehr und macht blind, weil ihr Licht unsere Sehkraft unverhältnismäßig übersteigt. Ebenso überwältigt und besiegt das Licht des Glaubens durch sein Übermaß das Licht des Verstandes, das ja an sich nur für das natürliche Erkennen hinreicht, obwohl es auch für das Übernatürliche befähigt ist, wenn unser Herr es zu übernatürlicher Tätigkeit erheben will.



22.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ZWEITES KAPITEL

2. Doch sie eilt dunkler als die erste Nacht, die dem niederen Bereich des Menschen zugehört, dem sinnlichen, und daher mehr äußerlich ist.
Die zweite Nacht, die des Glaubens, gehört dem höheren, vernünftigen Bereich des Menschen zu und ist daher innerlicher und dunkler; denn sie entzieht oder, besser gesagt, blendet ihm das Licht der Vernunft. Darum ist sie gut der Mitternacht vergleichbar, der Innersten und dunkelsten Mitte der Nacht.

3. Nun ist zu erweisen, wie diese zweite Phase, der Wandel im Glauben, Nacht ist für den Geist, gleich wie die erste es für die Sinne ist. Dann wollen wir sagen, was ihr entgegensteht, und was die Seele selbst tun kann, sich für das Eingehen in diese Nacht bereitzuhalten. Von der über sie verhängte Nacht, in die Gott sie ohne ihr Zutun versetzt, werden wir an geeigneter Stelle sprechen, ich meine im Dritten Buche.



21.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ZWEITES KAPITEL

Beginn der Abhandlung über die zweite Phase oder Ursache dieser „Nacht“, nämlich über den Glauben. – Aus zwei Gründen ist dieser Teil dunkler als der erste und dritte.
1. Im Folgenden ist von der zweiten Phase dieser Nacht, vom Glauben, die Rede. Er ist das erwähnte wunderbare Mittel zum Ziel, zu Gott, zu gelangen. Gott aber ist, wie wir sagten, naturgemäß die dritte Ursache oder Phase dieser Nacht.
Der Glaube gleicht als Mitte der Mitternacht. Darum können wir sagen, er sei für die Seele dunkler als die erste und, in gewisser Hinsicht, als die dritte Phase. Denn die erste, von den Sinnen her, gleicht dem Anbruch der Nacht, wenn alle wahrnehmbaren Dinge dem Blick entschwunden. Sie ist dem Licht nicht so ferne wie die Mitternacht.
Die dritte Phase ist das Morgengrauen, das dem Tageslicht schon nahe kommt und nicht so dunkel ist wie die Mitternacht. Sie steht ja unmittelbar vor der Erleuchtung und Gestaltung durch das Tageslicht und dieses ist Gleichnis für Gott. Wohl ist Gott, natürlich gesprochen, für die Seele eine so dunkle Nacht wie der Glaube. Doch nach Ablauf der drei Phasen, die für die Seele naturgemäß Nacht sind, ist Gott schon daran, die Seele mit dem Strahlen Seines Göttlichen Lichtes über- natürlich zu beleuchten (und dies ist der Beginn der vollkommenen Vereinigung nach dem Überstehen der dritten Nacht), weshalb sie schon minder dunkel genannt werden kann.



20.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ERSTES KAPITEL

3. Es ist auch zu beachten, dass die Seele in der ersten Strophe, als vom sinnlichen Bereich die Rede war, sagt, sie sei in dunkler Nacht entflohen, nun aber, da sie vom geistigen Bereich spricht, setzt sie dafür Dunkelheit; denn die Finsternis ist im geistigen Bereich viel dichter. Die Dunkelheit an sich ist finsterer als eine dunkle Nacht. So dunkel eine Nacht auch sei, man sieht doch ein wenig; in der Dunkelheit aber sieht man nichts. So blieb der Nacht der Sinne immerhin noch etwas Licht, denn Erkennen und Überlegen blieben ihr umgebenden. Doch die Nacht des Geistes, das ist der Glaube, entzieht ihr alles, das Verstehen wie das Fühlen. Darum sagt die Seele nun, sie gehe sicher, gedeckt von Dunkelheit, was sie zuvor nicht sagte. Je weniger nämlich eine Seele aus eigener Fähigkeit wirkt, um so sicherer geht sie, denn um so mehr wandelt sie im Glauben.
Dies soll nun im zweiten Buche ausführlicher erklärt werden. Der fromme Leser möge aufmerksam folgen; denn es sind Dinge zu sagen, die dem wahrhaftigen Geiste sehr wichtig sind. Und, obwohl etwas dunkel, bahnt doch das eine dem anderen so den Weg, dass ich meine, man wird alles sehr gut verstehen.



19.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES
ERSTES KAPITEL

2. Darum sagt sie, sie konnte im Dunkeln sicher gehen. Wer nämlich das Glück hat, im Dunkel des Glaubens zu wandeln, und ihn zum Blinden- führer wählt, der entrinnt allen natürlichen Einbildungen und geistigen Spekulationen und geht, wie gesagt, ganz sicher dahin.
Sie sagt ferner, beim Entweichen in diese geistige Nacht ließ sie ihr Haus schon tief in Ruhe stehen, nämlich den geistigen und vernünftigen Bereich; denn so wie die Seele zur Vereinigung mit Gott gelangt, ruhen im geistigen Bereich ihre natürlichen Vermögen, Antriebe und Wünsche. Darum spricht sie hier nicht mehr vom Sehnsuchtsbrand, der sie austrieb in der ersten Nacht der Sinne. Um nämlich in die Nacht der Sinne einzugehen und sich alles Sinnhaften zu entblößen, bedurfte es der fühlbaren Liebessehnsucht zum Vollbringen der Flucht. Um aber das Haus des Geistes völlig zu beruhigen, ist nur die Verneinung aller geistigen Vermögen und Begehren im reinen Glauben erfordert. Ist dies geschehen, so vereinigt sich die Seele dem Geliebten in Einfalt und Lauterkeit und Liebe und Ähnlichkeit.



18.03.2019
ZWEITES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DES GEISTES

VERSTAND
Die zweite Strophe handelt vom zweiten, dem Geiste geltenden Teil dieser Nacht. – Der Glaube ist nächstes Mittel zur Vereinigung mit Gott.

Zweite Strophe

ERSTES KAPITEL
Ich konnt‘ in Herrlichkeit,
vermummt, auf schmaler Treppe sicher gehen,
gedeckt von Dunkelheit
o glückliches Geschehen!
und ließ mein Haus schon tief in Ruhe stehen.

1. In dieser zweiten Strophe besingt die Seele das glückliche Geschehen, das sie in der Entblößung des Geistes von allen geistigen Unvollkommenheiten und allem Besitzstreben im Geistigen erlebte. Dies ist für sie ein viel größeres Glück ob der größeren Schwierigkeit, dieses Haus des geistigen Teiles zu beruhigen, um ins innere Dunkel der geistigen Entblößung von allen Dingen, den sinnlichen wie geistigen, einzugehen, nur gestützt auf den reinen Glauben und durch ihn aufsteigend zu Gott.
Darum spricht sie von Treppe und Heimlichkeit; denn alle ihre Stufen und Stützen sind geheim und sowohl den Sinnen wie dem Verstande verborgen. Und so verbleibt sie im Dunkeln, ohne Licht vom Fühlen und Verstehen her, überschreitet alle Schranken der Natur und Vernunft, um aufzusteigen, die Göttliche Treppe des Glaubens hinan, die empordringt bis in die Tiefen Gottes.
Darum sagt sie auch, sie gehe vermummt; denn im Glauben aufsteigend wandelt sie ihre natürliche Tracht und Gewandung und ihr natürliches Gebaren ins Göttliche. Und so war diese Vermummung der Grund, dass sie weder vom Zeitlichen, noch vom Vernunftgemäßen, noch vom Teufel erkannt und aufgehalten wurde; denn nichts von alledem kann dem schaden, der den Weg des Glaubens wandelt.
Und nicht nur dies, sondern die Seele wandelt so verdeckt und verborgen und fern aller List des Teufels, dass sie wahrhaft (wie sie hier sagt) gedeckt von Dunkelheit schreitet, und zwar gedeckt gegen den Teufel, für den das Licht des Glaubens mehr als Finsternis ist. So dürfen wir von der Seele, die im Glauben wandelt, sagen, sie gehe in Heimlichkeit und gedeckt gegen den Teufel, wie es später noch deutlicher werden soll.



17.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFZEHNTES KAPITEL

2. Dazu verhalf ihr das Entweichen in dunkler Nacht, nämlich im Verzicht auf jeden Genuss und in Ertötung aller Begierden auf die beschriebene Weise. Dabei ließ sie ihr Haus schon tief in Ruhe stehen, nämlich den sinnlichen Teil als Gehäuse aller Begierden schon beruhigt durch deren Bezwingung und Einschläferung. Denn ehe die Begierden nicht durch Ertötung der Sinnlichkeit schlummern und die Sinnlichkeit selbst so beruhigt ist, dass sie in keiner Weise mehr gegen den Geist streitet, gelangt die Seele nicht zur wahren Freiheit des Genusses ihres Geliebten.

Ende des ersten Buches



16.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFZEHNTES KAPITEL

Erklärung der übrigen Verse dieser Strophe
O glückliches Geschehen! –
Ich floh ganz ungesehen
Und ließ mein Haus schon tief in Ruhe stehen.
1. Als Bild dient hier das Elend der Gefangenschaft. Wer ihr entrinnt, ohne dass einer der Wächter es hindert, hält dies für ein glückliches Geschehen. Die Seele ist ja seit dem ersten Sündenfall tatsächlich wie eine Gefangene in diesem sterblichen Leibe, den natürlichen Leiden- schaften und Trieben unterworfen. Gelingt es ihr, der Umzingelung und Knechtung ungesehen, nämlich von keinem Begehren behindert oder festgehalten, zu entkommen, so hält sie dies für ein glückliches Geschehen.



15.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERZEHNTES KAPITEL

3. Auf welche Weise aber und wie vielfach diese Flammen der Liebes sehnsucht die Seelen zu Beginn des Vereinigungsweges antreiben, wie eifrig und findig sie sind, ihrem Hause, nämlich dem Eigenwillen, in der Nacht des Abtötens ihrer Sinne zu entrinnen, wie leicht und sogar süß und köstlich ihnen die Sehnsucht nach dem Bräutigam alle Mühen und Gefahren dieser Nacht erscheinen lassen, dies zu sagen ist hier weder Ort noch Möglichkeit; denn es lässt sich besser erleben und erwägen als beschrieben. Und so gehen wir daran, im nächsten Kapitel die übrigen Verse zu erklären.



14.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERZEHNTES KAPITEL

2. Die Seele sagt also, in Liebesglut, zum Sehnsuchtsbrand entfacht,
habe sie diese dunkle Nacht der Sinne durchlitten und sei daraus hervorgegangen zur Vereinigung mit dem Geliebten.
Da nämlich der Wille seine Liebe und Zuneigung an den Begierden und Gelüsten nach allerlei Dingen zu entflammen pflegt, um sich dadurch zu erfreuen, war zu deren Überwindung und Verleugnung eine andere, heftigere Entflammung durch eine bessere Liebe vonnöten, der Liebe zu ihrem Bräutigam, damit sie Freude und Kraft in dieser finde und so Mut und Ausdauer gewinne, um allem anderen zu entsagen. Und es genügte nicht, dass sie ihren Bräutigam liebe, um die sinnlichen Begierden zu bezwingen; es musste die Liebesglut zum Sehnsuchtsbrand angefacht sein.
Da es vorkommen kann und vorkommt, dass die Sinnlichkeit von flammenden Begierden zu den sinnlichen Dingen bewegt und hingerissen wird, vermag der geistige Teil, wenn er nicht seinerseits von heftigerem Verlangen nach Geistigem entflammt ist, das natürliche Joch nicht zu zerbrechen, noch in die Nacht der Sinne einzugehen, noch Mut zu fassen, um allen Dingen gegenüber im Dunkeln zu verharren, und dem Begehren alles zu verweigern.



13.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERZEHNTES KAPITEL


Erklärung der nächsten Verse der Strophe
Die Liebesglut.. zum Sehnsuchtsbrand entfacht.
1. Wir haben den ersten Vers dieser Strophe erklärt, der von der Nacht der Sinne handelt, und dargelegt, dass sie den Sinnen gilt und warum sie Nacht genannt wird. Wir haben auch die Ordnung und Weise angegeben, die einzuhalten sind, um aktiv in sie einzugehen. Es folgt nun der Reihe nach die Behandlung ihrer wunderbaren Eigenschaften und Wirkungen, die in den folgenden Versen enthalten sind. Ich will sie nun, wie ich es im Vorwort ansagte, kurz ausführen, um diese Verse zu erklären, dann aber übergehen zum zweiten Buch, das vom anderen Teil dieser Nacht handelt, nämlich vom geistigen.



12.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DREIZEHNTES KAPITEL

12. Wie man das Ganze nicht hindert
Sowie du bei etwas verweist, erobert du nimmer das Ganze.
Um ganz zum Ganzen zu kommen, ist ganz das Ganze zu lassen.
Und kommst du dahin, das Ganze zu fassen,
so habe es, ohne es haben zu wollen.
Denn hältst du vom Ganzen nur etwas fest,
so hast du nicht einzig in Gott deinen Schatz.

13. In dieser Blöße findet der Geist seine Ruhe und Labung; begehrt er nichts, so treibt ihn nichts aufwärts und drückt ihn nichts abwärts, denn er ruht in der Mitte seiner Demut. Denn das Gelüsten nach etwas, dies macht ihn müde.



11.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DREIZEHNTES KAPITEL

11. Die Verse lauten so:
Um zu erlangen, alles zu genießen, suche in nichts Genuss.
Um zu erlangen, alles zu besitzen, suche in nichts etwas zu besitzen.
Um zu erlangen, alles zu sein, suche in nichts etwas zu sein.
Um zu erlangen, alles zu wissen, suche in nichts etwas zu wissen.
Um zu erlangen, was du nicht verkostest, geh dorthin, wo du nichts verkostest.
Um zu erlangen, was du nicht weißt, geh dorthin, wo du nichts weißt.
Um zu erlangen, was du nicht besitzest, geh dorthin, wo du nichts besitzest.
Um zu werden, was du nicht bist, geh dorthin, wo du nichts bist.


10.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DREIZEHNTES KAPITEL

10. Zum Abschluss dieser Weisungen und Regeln seien noch die für den Aufstieg zum Gipfel geschriebenen Verse hergesetzt, wie das Bild zu Beginn des Buches ihn darstellt. Sie enthalten die Lehre, ihn, als die Höhe der Vereinigung, zu ersteigen. Wohl geht es hier um Geistiges und Innerliches; doch es muss auch vom Geiste der Unvollkommenheit, dem Sinnlichen und Äußeren nach die Rede sein. Dies ist zu ersehen aus den beiden Wegen zu Seiten des Pfades der Vollkommenheit. In diesem Sinne sind sie hier zu verstehen, nämlich dem Sinnlichen nach. Im zweiten Teile dieser Nacht werden sie dem Geistigen nach zu verstehen sein.



09.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DREIZEHNTES KAPITEL

9. Zum ersten: Man trachte, sich herabzusetzen, und wünsche, dass alle es tun; dies richtet sich gegen die Fleischeslust.

Zum zweiten: Man trachte, verächtlich von sich zu reden, und wünsche, daß alle es tun; dies richtet sich gegen die Augenlust.

Zum dritten: Man trachte, in Selbstverachtung gering von sich zu denken und wünsche auch, alle gegen sich zu haben; und dies ist gegen die Hoffart des Lebens.



08.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DREIZEHNTES KAPITEL

7. Und man muss dieses Werk von Herzen umfangen und trachten, den Willen daran hinzugeben. Tut man es nämlich von Herzen, so wird man bald viel Freude und Trost dabei finden, insofern man geordnet und klug vorangehen.

8. Wird das Gesagte gut ausgeführt, so genügt es zum Eingehen in die Nacht der Sinne. Doch zu reicherer Fülle geben wir noch eine andere Übungsweise an, die uns lehrt, die Fleischeslust, die Augenlust und die Hoffart des Lebens zu zähmen, von denen der hl. Johannes sagt (1Joh 2,16), sie beherrschten die Welt und seien die Quelle aller übrigen Begierden.



07.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DREIZEHNTES KAPITEL

5. Es folgt ein Allheilmittel, die vier natürlichen Leidenschaften, als da sind: Freude, Hoffnung, Furcht und Schmerz, zu kasteien und zu besänftigen. Aus ihrer friedlichen Eintracht erfließen mit den genannten auch die übrigen Güter, reiches Verdienst und große Tugenden:

6. Man trachte allezeit, sich zu neigen:
Nicht zum Leichteren, sondern zum Schwierigeren;
nicht zum Schmackhafteren, sondern zum Unschmackhafteren;
nicht zum Erfreulicheren, sondern zum Unerfreulicheren;
nicht zum Ruhsameren, sondern zum Mühsameren;
nicht zum Tröstlichen, sondern vielmehr zum Betrüblichen;
nicht zum Mehr, sondern zum Weniger;
nicht zum Höheren und Wertvolleren, sondern zum Minderen und Wertloseren;
nicht dahin, etwas zu lieben, sondern dahin, nichts zu lieben:
man strebe nicht nach dem Besten an zeitlichen Dingen, sondern nach dem Schlechteren;
und verlange um Christi Willen, in volle Blöße und Leere und Armut an allem, was es in der Welt gibt, einzugehen.



06.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DREIZEHNTES KAPITEL

4. Zweitens: Um dies gut vollbringen zu können, entsage man jedem Genuss, der sich den Sinnen darbietet, wenn er nicht rein der Ehre und Verherrlichung Gottes dient, und bleibe des Genusses bar aus Liebe zu Jesus Christus, der in Seinem Leben keine andere Freude hatte noch wollte, als den Willen Seines Vaters zu tun. Dies nannte Er Seine Speise und Nahrung (Joh 4,34).
Ich bringe ein Beispiel. Böte sich etwa das Vergnügen dar, Dinge zu hören, die für den Dienst an Gottes Ehre belanglos sind, so wünsche man nicht, sie zu genießen, noch überhaupt anzuhören. Oder fände man Freude am Betrachten von Dingen, die nicht zu größerer Gottesliebe verhelfen, so verlange man nicht nach dieser Freude und sehe dergleichen nicht an. Und verlockt ein Gespräch oder etwas anderes, so verhalte man sich hier dergleichen. In dieser Weise entziehe man sich allem Sinnhaften, wo dies gut geschehen kann. Vermag man nicht auszuweichen, so genügt es, nicht genießen zu wollen, mögen auch die Dinge vorüber ziehen.
So trachte man die Lust der Sinne zu ertöten, damit sie leer seien und wie im Dunkeln. Diese Sorgfalt bringt in Kürze weit voran.



05.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DREIZEHNTES KAPITEL

2. Sind die nachstehenden Richtlinien zur Überwindung der Begierden auch kurz gefasst und gering an Zahl, so halte ich sie doch in ihrer gedrängten Fülle für so fördernd und wirksam, dass jemand, der sie ehrlich durchführen will, keiner anderen mehr bedarf, da er durch diese alle um fängt.

3. Erstens: Man trage beständig Verlangen, Christus in allen Dingen nachzuahmen, gleiche sich Seinem Leben an, betrachte es, um es nachzuahmen und sich in allen Dingen so verhalten zu können, wie Er sich verhalten würde.



04.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DREIZEHNTES KAPITEL

Wie man sich zu verhalten hat, um in die Nacht der Sinne einzugehen.
1. Nun wären noch einige Weisungen zu geben, damit man in diese Nacht der Sinne einzugehen wisse und es auch vermöge. Dazu sei gesagt, dass die Seele gewöhnlich auf zweierlei Weise in sie eingeht: Die eine ist aktiv, die andere passiv.
Aktiv ist sie, wenn die Seele ihrerseits tut, was sie tun kann, um in die Nacht einzugehen. Wir geben dafür im Folgenden Anweisungen.
Passiv ist sie, wenn die Seele nichts tut, sondern Gott in ihr wirkt und sie sich leidend verhält. Davon wollen wir im vierten Buche sprechen, wenn wir uns mit den Anfängern befassen. Und da wir ihnen dort, mit Gottes Gunst, viele Ratschläge geben wollen, entsprechend den vielen Unvollkommenheiten, die ihnen auf diesem Wege anhaften, so werde ich mich hier darüber nicht weiter verbreiten, denn hier ist nicht der rechte Ort, sie zu erteilen. Vorläufig wollen wir nur begründen, warum dieser Übergang Nacht genannt wird und sagen, was sie sei und wie sie eingeteilt wird.
Da es jedoch scheint, es fiele zu kurz aus und brächte wenig Nutzen, wenn ich nicht schon hier einige Mittel und Weisungen gäbe, diese Nacht des Begehrens einzuüben, so lasse ich hier ein schnelles Verfahren folgen. Das gleiche möchte ich zum Abschluss jedes der beiden Teile oder Ursachen dieser Nacht tun, von denen ich, mit Gottes Hilfe, dann zu sprechen gedenke.



03.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZWÖLFTES KAPITEL

6. Von den übrigen natürlichen Begierden, die nicht freiwillig sind, und von Gedanken, die erste Regungen nicht überschreiten, wie auch von anderen Versuchungen, denen man nicht zustimmt, rede ich hier nicht; denn diese fügen der Seele keine der genannten Übel zu. Zwar scheint es dem, der sie aussteht, er sei durch die dabei auftretende leidenschaftliche Erregung befleckt und verblendet; doch dem ist nicht so. Sie gereichen ihm vielmehr zu entgegengesetztem Fortschritt; denn wer ihnen widersteht, gewinnt an Kraft, Reinheit, Licht und Trost und mancherlei Gut. In diesem Sinne sagte unser Herr zum hl. Paulus, die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung (2 Kor 12,9).
Doch die freiwilligen Begierden fügen die genannten und noch andere Übel zu. Darum wenden die Geisteslehrer die größte Sorgfalt daran, in ihren Schülern jegliches Begehren zu ertöten, sie leer zu machen von allem, wonach sie gelüstete, um sie aus solchem Elend zu befreien.



02.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZWÖLFTES KAPITEL

5. Der Grund, warum jedweder Akt freiwilligen Begehrens der Seele all diese Wirkungen insgesamt zufügt, liegt in seinem unmittelbaren Widerstand gegen all jene Tugendakte, die in der Seele das Gegenteil bewirken. Denn so wie durch einen Tugendakt in der Seele Milde, Friede, Trost, Lauterkeit und Kraft werden und wachsen, so verursacht eine ungeordnete Begierde Qual, Unlust, Ermüdung, Blindheit und Schlaffheit. In der Seele wachsen alle Tugenden durch Übung von einer und aller Laster durch Wirkung und Nachwirkung von einem. Zwar gewahrt man all diese Übel zur Zeit der Stillung des Begehrens nicht; denn der Genuss lässt dies jetzt nicht zu. Doch früher oder später fühlt man wohl die bösen Auswirkungen. Dies ist sehr gut angedeutet durch das Buch, das der Engel der Apokalypse den hl. Johannes verschlingen ließ. Im Mund war es süß, im Leibe bitter (10,9). Wird nämlich das Begehren ausgeführt, so ist es süß und erscheint gut; doch nachher empfindet man den bitteren Nachgeschmack. Wer sich hinreißen lässt, weiß das sehr wohl. Es ist mir jedoch nicht unbekannt, dass etliche so verblendet und unempfindlich sind, dass sie es nicht mehr fühlen. Da sie nicht in Gott wandeln, nehmen sie nicht wahr, was sie von Gott trennt.



01.03.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZWÖLFTES KAPITEL

4. Doch es ist zu beachten, dass zwar jedwede Begierde diese Schäden zufügt, die wir hier positiv nennen, dass es jedoch unter ihnen solche gibt, die vorwiegend und unmittelbar den einen Schaden zufügen, und andere den anderen, woraus dann die übrigen erfließen.
Denn obwohl es wahr ist, dass ein sinnlicher Trieb alle diese Schäden bewirkt, so ist es ihm doch vorwiegend und besonders eigentümlich, Seele und Leib zu besudeln.
Und obwohl die Habgier ebenso alle verursacht, so doch vorwiegend und unmittelbar Betrübnis.
Und obwohl die Ruhmsucht in gleicher Weise alle zufügt, so doch vorwiegend und unmittelbar Verfinsterung und Verblendung.
Und obwohl Gefräßigkeit sie alle bewirkt, so doch vorwiegend Lauheit im Tugendstreben. Ähnlich geht es mit den übrigen Begierden.



28.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZWÖLFTES KAPITEL

3. Um darauf zu antworten, sage ich zur ersten Frage: Die Schädigung durch das Entziehen, wodurch die Seele Gottes beraubt wird, können nur die freiwillig auf einen schwer sündhaften Gegenstand gerichteten Begierden bewirken, diese aber gänzlich, denn sie entziehen der Seele in diesem Leben die Gnade, und im anderen die Glorie, nämlich den Besitz Gottes.
Zur zweiten Frage sage ich: Gleich wie die auf schwer Sündhaftes bezogenen Begierden, so reicht auch jede einzelne freiwillig auf lässlich Sündhaftes oder auf Unvollkommenes bezogene Begierde hin, um der Seele alle diese Schäden insgesamt zuzufügen. Obwohl sie in gewisser Weise entziehend wirken, nennen wir sie doch zufügend, insofern sie der Hinwendung zu Geschaffenem entsprechen, während der Entzug die Abwendung von Gott bedeutet. Doch es besteht ein Unterschied: Das Begehren nach schwer Sündhaftes bewirkt totale Blendung, Qual, Unreinheit, Schwächung u.s.w.; geht es aber auf Lässliches oder Unvollkommenes, so bewirkt es diese Übel nicht zur Gänze und in höchstem Grade, denn es entzieht nicht die Gnade, und davon hängt seine Macht ab; denn der Tod der Gnade ist das Leben der Begierden. Diese erwecken in der Seele Nachlässigkeit, entsprechend dem durch die Begierden bewirkten Nachlassen der Gnade. Demnach wird ein Begehren in um so größerem Maße quälen, blenden oder schänden, je mehr es die Gnade abflauen lässt.



27.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZWÖLFTES KAPITEL

2. Und zwar erstens: Reicht jegliche Begierde hin, um in der Seele die beiden angeführten Schäden zu bewirken, nämlich das Entziehen, da sie die Seele der Gnade Gottes berauben, und das positive Zufügen, nämlich das Verursachen der fünf angeführten Hauptschäden?
Zweitens: Reicht jegliche Begierde hin, so gering sie sei und von welcher Art sie sei, um alle diese fünf Schäden insgesamt zu bewirken, oder verursachen die einen diesen, die anderen jenen Schaden, so dass etwa die einen quälen, die anderen ermüden, die anderen verfinstern u.s.w.?



26.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZWÖLFTES KAPITEL

Antwort auf die Frage: Welche Begierden reichen hin zu der besagten Schädigung der Seele?
1. Wir könnten uns über diesen Gegenstand, die Nacht der Sinne, verbreiten und noch vieles aufführen von dem, was zu sagen wäre über die durch die Begierden verursachten Schäden, nicht nur in den genannten, sondern in manchen anderen Weisen. Doch für unser Vorhaben genügt das Gesagte. Denn es dürfte verständlich geworden sein, warum die Ertötung der Begierden Nacht genannt wird, und wie sehr das Eingehen in diese Nacht geziemt, wenn man zu Gott gelangen will. Nur bietet sich noch, ehe wir von der Weise des Eingehens reden, zum Abschluss dieses Teiles ein Zweifel daran, der dem Leser ob des Gesagte aufsteigen könnte.



25.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ELFTES KAPITEL

8. Auch das Buch Josue gibt uns ein Bild zum Gesagte (6,21): Gott befahl dem Josue zur Zeit, da er begann, das Gelobte Land in Besitz zu nehmen, alles, was die Stadt Jericho barg, so zu vernichten, dass nichts am Leben bleibe, weder Mann noch Weib, weder Kind noch Greis, noch irgendein Getier, und von der gesamten Beute sollten sie nichts nehmen oder auch nur begehren. Dies gibt uns zu verstehen, wie gründlich alles ersterben muss, was in der Seele lebt, sei es wenig oder viel, klein oder groß, wenn sie in die Göttliche Vereinigung eingehen will. Auch darf es die Seele nach alledem nicht gelüsten, und sie muss so gelassen sein, als wäre dergleichen nicht für sie und sie nicht für dergleichen.
Gut lehrt uns dies der hl. Paulus im Korintherbriefe mit den Worten: Das sage ich euch, meine Brüder: Die Zeit ist kurz bemessen! So mögen künftighin die Verheirateten so leben, als wären sie nicht verheiratet; die Trauernden (um Dinge dieser Welt), als trauerten sie nicht; die Fröhlichen, als wären sie nicht fröhlich; die Kaufenden, als besäßen sie nichts; und die Benutzer dieser Welt, als nützte sie ihnen nichts (1 Kor 7,29-31). Mit diesen Worten unterweist uns der Apostel, welche Los- schälung von allen Dingen der Seele geziemt, um zu Gott zu gehen.


24.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ELFTES KAPITEL

7. Dieses findet sich im Buche der Richter vorgebildet (2,3). Dort wird erzählt, der Engel sei zu den Söhnen Israels gekommen und habe ihnen gesagt, weil sie jenes gegnerische Volk nicht vernichtet, sondern vielmehr sich mit einigen aus ihm verbündet hätten, würden diese nun als Feinde unter ihnen bleiben und ihnen zu Fall und Verderben gereichen. Genau so verfährt Gott mit einigen Seelen. Er hat sie aus der Welt geholt, hat die Giganten ihrer Sünde für sie getötet, die Menge der Feinde erledigt, nämlich die Gelegenheiten, die sich in der Welt ihnen boten – nur um ihnen größere Freiheit zum Einzug ins Gelobte Land der Göttlichen Vereinigung zu verleihen -, sie aber schließen dennoch Freundschaft und Bündnis mit dem Zwergenvolk der Unvollkommenheiten, die sie nicht zu ertöten vermögen. Dies erzürnt unseren Herrn, und Er lässt sie mehr und mehr ihren Begierden verfallen.



23.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ELFTES KAPITEL

6. Dieser Weg ist immer einzuhalten, um ans Ziel zu kommen; er führt stets über das Abweisen, nicht über das Nähren der Wünsche. Und kommt man nicht dahin, sie alle loszuwerden, so kommt man nicht ans Ziel. Denn so wie das Holz nicht in Feuer umgestaltet wird, wenn nur ein Wärmegrad fehlt, es dafür zu bereiten, so wird auch die Seele nicht in Gott umgestaltet, so lange ihr noch eine Unvollkommenheit anhaftet, und wäre sie auch weniger als ein freiwilliges Begehren; denn die Seele hat, wie später in der „Nacht des Glaubens“ gezeigt werden soll, nur einen Willen; ist dieser durch irgend etwas behindert und in Anspruch genommen, so ist er nicht mehr frei, einsam und lauter, wie die Umgestaltung in Gott es verlangt.



22.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ELFTES KAPITEL

5. Wir sehr ist es zu beklagen, wenn manche nach dem Zerreißen anderer, viel stärkerer Stricke sündhafter Neigungen und Eitelkeiten mit Gottes Hilfe, nun nicht imstande sind, sich von einer Kinderei loszumachen, die Gott ihnen beließ, damit sie überwunden werde aus Liebe zu Ihm. Sie ist nicht stärker als ein Faden, ja als ein Haar, und sie lassen doch dafür ein so großes Gut fahren. Und das Schlimmste ist, dass sie nicht nur keinen Fortschritt machen, sondern um dieser Anhänglichkeit willen umkehren, wodurch sie alles verlieren, was sie in so langer Zeit und mit so großer Mühe erwandert und erworben haben. Dies wollte unser Herr uns zu verstehen geben, als Er sprach: Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich; und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut (Mt 12,30),
Wer nicht Sorge trägt, das Gefäß auszubessern, dem wird durch einen kleinen Sprung, den es ausweist und der genügt, der ganze Inhalt an Flüssigkeit ausrinnen. Das Buch Ekklesiastikus lehrt uns dies gut mit den Worten: Wer die kleinen Dinge missachtet, kommt nach und nach zu Fall (Sir 19,1). Und derselbe Weise sagt: Ein einziger Funke entfacht den Brand (11,32). Eine Unvollkommenheit genügt, andere nach sich zu ziehen, und diese wieder andere. So wird man kaum je eine in der Bekämpfung eines Begehrens nachlässige Seele sehen, der nicht aus eben dieser Schwäche und Unvollkommenheit noch viele andere anhaften. Und so geht es mit ihnen stets begab. Wir haben schon viele beobachtet, die Gott mit Seiner Gnade weit vorangebracht hat zu großer Entsagung und Freiheit; und nur weil sie den Hauch einer Anhänglichkeit unter dem Scheine des Guten, der Anregung der Freundschaft im Gemüte aufkommen ließen, entwich ihnen dadurch der Geist und die Lust an Gott und der heiligen Einsamkeit. Sie ließen nach in der Freude und Sammlung bei geistlichen Übungen und hielten nicht inne, ehe alles dahin war. Und dies nur, weil sie nicht gleich zu Beginn das sinnliche Genießen und Begehren mit einem Schnitt beendeten, um sich in Einsamkeit für Gott zu bewahren.



21.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ELFTES KAPITEL

4. Solche gewohnheitsmäßige Unvollkommenheiten sind etwa: Der Hang, viel zu reden; irgendeine Anhänglichkeit, die man nicht aufzugeben vermag, an eine Person, ein Gewand, ein Buch, eine Zelle, eine Art von Speise, kleine Schwätzereien und Liebhabereien hinsichtlich des Geschmackes, des Wissens, Hörens und ähnlicher Dinge.
Jegliche dieser Unvollkommenheiten, an denen die Seele gewohnheitsmäßig hängt, ist schädlicher für ihr Wachstum und Fortkommen in der Tugend, als wenn sie täglich in viele andere vereinzelte Unvollkommenheiten und lässliche Sünden fiele, die nicht dem gewohnheitsmäßigen Hängen an irgendeiner bösen Eigenschaft entstammen. Sie würden die Seele nicht so sehr hemmen wie das Hängen an irgendeinem Ding. Solange die Seele hängt, kann sich unmöglich an der Vervollkommnung voranschreiten, und wäre die Unvollkommenheit auch ganz gering. Dies erscheint mir so, als wäre ein Vogel mit einem feinen statt mit einem groben Faden angebunden; auch der feine Faden hält ihn so fest wie ein grober, solange er ihn nicht zerreißt, um aufzufliegen. Wohl ist der feine leichter zu zerreißen; doch so leicht es auch ist, zerreißt man ihn nicht, so wird man nicht fliegen.
Ebenso ergeht es auch der Seele, die an irgend etwas hängt. Mag sie noch so tugendhaft sein, sie wird zur Freiheit der Göttlichen Vereinigung nicht gelangen.
Begehren und Anhangen üben an der Seele eine Wirkung aus wie der sagenhafte Saugfisch an einem Schiff. Er ist ein sehr kleiner Fisch; gelingt es ihm aber, sich am Schiffe festzusaugen, so hält er es auf, so dass es weder in den Hafen einfahren, noch weitersegeln kann. Es ist schmerzlich, manche Seelen zu sehen, gleich reichbefrachteten Schiffen mit Schätzen und Werken und geistlichen Übungen und Tugenden und gottgeschenkten Gnaden beladen; und weil sie nicht den Mut haben, mit irgendeiner Liebhaberei oder Anhänglichkeit oder Zuneigung - dies ist alles eins – zu brechen, kommen sie nicht voran und laufen nicht in den Hafen der Vollendung ein. Und es bedürfe nur mehr eines guten Aufschwungs, um den Faden der Anhänglichkeit endlich zu zerreißen oder jenen anhaftenden Saugfisch des Begehrens abzuschütteln.




20.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ELFTES KAPITEL

3. Darum sagen wir von diesem Stande, dass er aus zwei Willen einen macht, nämlich den Willen Gottes; und dieser Wille Gottes ist auch der Wille der Seele. Wollte also diese Seele etwas Unvollkommenes, das Gott nicht will, so wäre sie nicht eines Willens mit Gott; es beliebte ihr ja etwas, das Gott aber nicht beliebt. Daraus ergibt sich klar, dass die Seele sich vor allem jeder Willensneigung entäußern muss, so gering sie sei, um sich mit Gott durch Lieben und Wollen vollkommen vereinigen zu können. Sie darf also bei wachem Bewusstsein niemals in eine Unvollkommenheit einwilligen und muss dahin kommen, ihrer selbst mächtig und frei zu sein, um so handeln zu können, sobald sie etwas bemerkt.
Ich sage bewusst; denn unbemerkt und unbewusst und insofern es nicht in ihrer Hand liegt, mag sie wohl Unvollkommenheiten und lässlichen Sünden und den genannten natürlichen Regungen verfallen. Eben von solchen nicht ganz freiwilligen und Überraschungssünden steht ja geschrieben: Der Gerechte fällt siebenmal des Tages und steht wieder auf (Spr 2t, 16). Doch von den freiwilligen Begierden, die zu bewussten lässlichen Sünden führen, möge es sich auch um Kleinigkeiten handeln, genügt, wie gesagt, eine nicht überwundene als Hindernis.
Ich rede von einer solchen nicht bekämpften Gewohnheit; denn fallweise Akte, dann und wann, auf Grund unterschiedlicher Begierden, richten nicht so viel Schaden an, wenn nur die Gewohnheiten ausgerottet sind. Man muss freilich auch dahin kommen, die Akte zu meiden; denn sie entspringen ja den unvollkommenen Gewohnheiten. Und einige gewohnheitsmäßige freiwillige Unvollkommenheiten, die zu überwinden man nicht fertigbringt, verhindern nicht nur die Göttliche Vereinigung, sondern das Voranschreiten in der Vervollkommnung



19.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ELFTES KAPITEL

2. Darauf antwortete ich zunächst: Wohl ist es wahr, dass nicht alle Begierden, eine wie die andere, gleich schädlich sind und die Seele gleicherweise hemmen. Ich spreche von den freiwilligen Begierden; denn die natürlichen Begierden hindern wenig oder gar nicht die Vereinigung, wenn man ihnen nicht zustimmt und sie nicht über jene ersten Regungen hinausgehen lässt, an denen der überlegte Wille weder vorher noch nachher teilnimmt. Von solchen in diesem Leben durch Ertöten gänzlich frei zu werden ist unmöglich. Sie hindern auch nicht in einer Weise, die von der Göttlichen Vereinigung ausschlöße, wären sie auch, wie gesagt, nicht ganz ertötet. Denn sie können sehr wohl der Natur anhaften, während die Seele ihrem vernünftigen Geiste nach davon durchaus frei ist. Es kann sogar bisweilen geschehen, dass die Seele dem Willen nach gesättigt in der Vereinigung des Gebetes der Ruhe weilt und zugleich im sinnlichen Bereich des Menschen sich ein Begehren regt, mit dem der höhere, ins Gebet versenkte Teil nichts zu tun hat.
Was jedoch die anderen, freiwilligen Begierden anlangt, gehen Sie nun auf schwer Sündhaftes, was am gefährlichsten ist, oder auf lässlich Sündhaftes, was weniger gefährlich ist, oder nur auf Unvollkommenheiten, die am wenigsten wiegen: Alles insgesamt muss ausgetrieben werden und die Seele muss sich all dessen entledigen, auch des Geringsten, um zur vollen Vereinigung zu gelangen. Der Grund ist dieser: Der Zustand Göttlicher Vereinigung besteht in der Einfügung der Seele dem Willen nach durch Umgestaltung in den Willen Gottes. Demnach darf in ihr nichts dem Willen Gottes entgegenstehen, sondern sie bewege sich in allem und zu allem nur nach dem Willen Gottes.



18.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ELFTES KAPITEL

Um zur Vereinigung mit Gott zu gelangen, muss die Seele notwendig aller, auch der geringsten Begierden ledig sein.
1. Es scheint, als drängten sich hier dem Leser viele Fragen auf: Ob es denn zur Erreichung dieses hohen Standes der Vollendung durchaus nötig sei, zuvor sämtliche Begierden, ob klein oder groß, gänzlich zu ertöten? Genügt es nicht, einige von ihnen zu ertöten und andere bestehen zu lassen, zumindest solche, die geringfügig erscheinen? Denn es dürfte doch ein hartes Ansinnen und ein sehr schwieriges Unternehmen sein, die Seele zu solcher Reinheit und Entblößung zu führen, dass sie nichts mehr begehrt und an nichts mehr hängt.



17.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZEHNTES KAPITEL

4. Kommt es auch nicht so weit, es ist doch ein Jammer zu sehen, wie das Begehren die arme Seele, in der es lebt, gefangen hält. Wie zuwider ist sie sich selbst, wie trocken gegen den Nächsten, wie schwerfällig und träge im Dienste Gottes! Denn es gibt keine bösen Säfte, die einem Kranken das Gehen und sogar das Essen so mühsam und schwierig machen, wie das Verlangen nach Geschöpfen der Seele die Tugend- übung erschwert und verleidet. Und so ist dies für gewöhnlich der Grund, warum die Seelen nicht mit Eifer und Freude nach Tugend streben: Ihre Begierden und Neigungen richten sich nicht rein auf Gott.



16.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZEHNTES KAPITEL

3. Daraus geht klar hervor, dass die Begierden der Seele nichts Gutes zubringen, ihr vielmehr das nehmen, was sie hat. Ertötet man sie nicht, so ruhen sie nicht, ehe sie mit der Seele so verfahren sind, wie man sagt, dass junge Vipern mit ihrer Mutter verfahren. So wie diese nämlich im Mutterschoß wachsen, nähren sie sich von ihrer Mutter und töten sie, bleiben also auf Kosten ihrer Mutter am Leben. So weit kommen auch die unertöteten Begierden: Sie töten das In-Gott-sein der Seele, weil die Seele nicht zuvor die Begierden ertötet hat; nun bleiben diese allein in ihr am Leben. Und darum sagt Jesus Sirach: Aufer a me, Domine, ventris concupiscentias et concubitus concupiscentiae ne apprehendant me. – Verhüte, Herr, dass Fleischeslust und Sinnenlust mich packen (23,6); und diese allein leben noch in mir.



15.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZEHNTES KAPITEL

2. Die Begierden schwächen auch die Tugendkraft der Seele gleich Wassertrieben und Schößlingen, die rings aus dem Baume sprießen und ihm die Kraft zu reicher Frucht entziehen. Von solchen Seelen sagt der Herr: Vae praegnantibus et nutrientibus in illis diebus! - Wehe den Schwangeren und Säugenden in diesen Tagen! (Mt 24,19). Dieses getragen und gesäugt werden gilt von den Begierden. Wenn man sie nicht entwöhnt, so entziehen sie der Seele immer mehr Kraft zu deren Schaden, gleich wie Wassertriebe dem Baum. Darum gibt unser Herr den Rat: Umgürtet eure Lenden (Lk 12,35). Damit meint Er hier die Begierden. Tatsächlich sind sie auch den Blutegeln gleich, die beständig Blut aus den Adern saugen. Im Buch der Sprüche heißt es: Blutsaugerinnen sind die Töchter, nämlich die Begierden, sie sagen immer: Gib, gib (30,15).



14.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZEHNTES KAPITEL

Die Begierden machen die Seele lau und schwächen ihre Tugendkraft.
1. Zum fünften schädigen die Begierden die Seele durch Abkühlung und Schwächung, so dass ihr keine Kraft bleibt, nach Tugend zu streben und in ihr zu beharren.
So wie die Triebkraft sich aufteilt, ist sie minder stark, als wenn sie geschlossen auf ein Ziel gerichtet bliebe; und an je mehr Dinge sie sich aufteilt, um so weniger bleibt für jedes einzelne. Darum sagen die Philosophen, geeinte Kraft sei stärker als geteilte. Daraus ergibt sich klar, dass der Willenstrieb, der sich auf andere Dinge außer der Tugend verteilt, für die Tugend geschwächt wird. So gleicht die Seele, die ihren Willen an Kleinigkeiten ausgibt, dem Wasser, das ausläuft; es steigt nicht an und bringt so keinen Nutzen. Darum verglich der Patriarch Jakob seinen Sohn Ruben dem ausgegossenen Wasser; denn dieser hatte zu einer gewissen Sünde seinen Trieben die Zügel überlassen. Jakob sprach zu ihm: Du bist wie ausgegossenes Wasser; du sollst nicht wachsen (Gen 49,4). Dies will besagen: Weil du triebhaft ausgegossen bist wie Wasser, wirst du nicht an Tugend wachsen. So wie heißes Wasser unbedeckt schnell seine Wärme abgibt und unverschlossene aromatische Gewürze Feinheit und Kraft ihres Duftes bald verlieren, so büßt auch die nicht einzig im Streben nach Gott gesammelte Seele an Wärme und Kraft der Tugend ein. Dies erfasst David gut, da er zu Gott spricht: Fortitudinem meam ad te custodiam. – Meine Kraft will ich für Dich bewahren. (Ps 58,10).



13.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
NEUNTES KAPITEL

7. Zu einigem Verständnis der schändlichen Zerrüttung einer Seele durch ihre Süchte genüge für jetzt das Gesagte. Wollten wir uns nämlich eingehend mit der geringeren Verunstaltung durch Unvollkommenheiten und deren Vielfalt befassen; ferner mit den durch lässliche Sünden verursachten, die ärger sind als Spuren der Unvollkommenheiten und mit deren Vielfalt; endlich mit der durch schwer sündhafte Begierden bewirkten totalen Schändung der Seele und mit deren Vielfalt, wir kämen ob der Vielfalt und Menge all dieser drei Gegebenheiten an kein Ende. Eines Engels Verstand würde nicht hinreichen, sie zu erfassen.
Was ich behaupte, und worauf es mir ankommt, ist dies:
Jede auch nur im geringsten unvollkommene Begierde befleckt und besudelt die Seele.


12.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
NEUNTES KAPITEL

6. Dass mannigfache unreine Gewürm und Getier, in der ersten Tempel- kammer dargestellt, bedeutet die Gedanken und Begriffe, die sich der Verstand über gemeine Erdendinge und alles Geschaffene bildet. Wenn der Verstand sich mit ihnen belastet, malen sie sich, so wie sie sind, im Tempel der Seele ab; denn der Verstand ist der Seele erstes Gemach.
Die um den Gott Adonis weinenden Weiber tiefer innen, im zweiten Gemach, sind die dem zweiten Seelenvermögen, dem Willen, eigenen Begierden. Sie weinen gleichsam im Verlangen nach dem, woran der Wille hängt, nämlich nach dem im Verstande abgemalten Gewürm.
Die im dritten Gemache weilenden Männer sind die Bilder und Vorstellungen, die das dritte Seelenvermögen, das Gedächtnis, in sich bewahrt und aufrührt. Von ihnen wird gesagt, sie kehrten dem Tempel den Rücken. Umfängt nämlich eine Seele mit allen drei Vermögen ein Erdending endgültig und vollends, so kann man sagen, sie habe dem Tempel Gottes den Rücken gekehrt, nämlich der rechten Vernünftigkeit der Seele, die keinem geschaffenen Ding in sich Raum gibt.


11.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
NEUNTES KAPITEL

5. Diese Vielfalt der Begierden ist gut dargestellt bei Ezechiel (8,10-16). Gott zeigte diesem Propheten im Innern des Tempels rings an den Wänden gemalt alle Arten von Gewürm, das auf Erden kriecht und dazu alle Abscheulichkeit unreinen Getiers. Dann sprach Gott zum Propheten: Menschensohn, siehst du die Gräuel, die sie treiben, ein jeder geheim in seiner Kammer? Und Gott befahl den Propheten, noch tiefer einzudringen, um noch ärgere Gräuel zu schauen. Da sah er, nach seinem Bericht, Weiber sitzen und Adonis, den Liebesgott, beweinen. Abermals befahl Gott ihm, noch weiter ins Innere hineinzugehen, um noch ärgere Gräuel zu schauen. Wie er sagt, erblickt er nun fünfundzwanzig Älteste, die dem Tempel den Rücken zukehrten.



10.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
NEUNTES KAPITEL

4. Es lässt sich nicht mit Worten erklären, ja nicht einmal mit dem Verstande erfassen, wie vielerlei Unreinheit die vielerlei Begierden der Seele zufügen. Könnte man es ausdrücken und begreiflich machen, es würde Staunen und großes Mitleid erregen, zu sehen, wie jedes Begehren, seiner Stärke und Art nach mehr oder minder, seine Spur an Unreinheit und Missgestalt in der Seele zurücklässt, und wie sie auf Grund einer einzigen Unordnung der Vernunft unzählige verschiedene größere und kleinere Befleckungen aufweisen kann, jede von besonderer Art; denn gleich wie die Seele des Gerechten durch ein einziges Vollkommensein gerecht ist, doch unzählbare Gaben in Fülle und viele überaus schöne Tugenden besitzt, jede anders und lieblich in ihrer Art gemäß der Menge und Vielfalt ihrer Liebesbindungen an Gott, ebenso hat die zerrüttete Seele gemäß der Vielfalt ihrer Gier nach Erschaffenem eine erbarmungswürdige Vielfalt von Unreinheit und Gemeinheit, so wie eben die erwähnten Begierden sie bemalen.



09.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
NEUNTES KAPITEL

3. Solches Übel und noch mehr fügen die ungeordneten Begierden nach den Dingen dieser Welt der Seelenschönheit zu. Wollten wir eine durch Begierden verunstaltete und besudelte Gestalt schildern, wir fänden nichts Vergleichbares unter all dem Unreinen und Schmutzigen, das in diesem Leben gedacht werden kann, und wäre es voll Spinngeweb und Ungeziefer, hässlich wie eine verwesende Leiche. Wohl ist die zerrüttete Seele ihrem natürlichen Sein nach so vollkommen, wie Gott sie erschuf; doch als vernünftiges Wesen ist sie hässlich, abscheulich, beschmutzt, verfinstert, mit allen hier beschriebenen und noch viel mehr Übeln behaftet. Es genügt ja schon, wie wir noch ausführen werden, ein einziges ungeordnetes Begehren, und führte es auch nicht zur Todsünde, um die Seele so zu versklaven, zu besudeln und zu entstellen, dass sie auf keine Weise zur Gottvereinigung gelangen kann, ehe sie ihr Begehren reinigt. Wie hässlich muss nun eine Seele sein, die in ihren Leidenschaften ganz zerrüttet und an ihre Triebe ausgeliefert ist, wie weit entfernt von Gott und Seiner Reinheit!



08.02.2019
ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
NEUNTES KAPITEL

2. Darum beklagt Jeremias die durch solche ungeordnete Neigungen der Seele zugefügte Verwüstung und Entstellung. Zunächst schildert er ihre Schönheit, dann ihre Hässlichkeit mit den Worten: Candidiores sunt Nazaraei eius nive, nitidiores lacte, rubicundiores ebore antiquo, saphiro pulchriores. Denigrata est super carbones facies eorum, et non sunt cogniti in platziert. Das will besagen: (Ihre Seelen sind) an Haupthaar weißer als Schnee, schimmernder als Milch, dazu edler gerötet als altes Elfenbein und schöner als Saphir. Nun aber ist ihr Antlitz schwärzer als Kohle; unkenntlich sind sie auf den Straßen (Klg 4,7-8). Das Haupthaar bedeutet hier das Sehnen und Denken der Seele. Sind Sie dorthin gerichtet, wohin Gott sie richten wollte, nämlich auf Ihn selbst, so erscheinen sie weißer als Schnee und reiner als Milch, rötlicher als Elfenbein und schöner als Saphir. In diesen vier Dingen sind alle Weisen der Schönheit und Vorzüglichkeit sichtbarer Schöpfung zusammen-gefasst. Als ihnen übergeordnet nennt er dir Seele samt ihren Tätigkeiten, nämlich die erwähnten Nazaräer oder deren Haar. Ist es ungeordnet und gegen Gottes Weisung den Geschöpfen zugewandt, so zeichnet dies ihr Antlitz und es wird schwärzer als Kohle.



07.02.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
NEUNTES KAPITEL

Die Begierden beflecken die Seele. – Verdeutlichung durch Gleichnisse und Beglaubigung durch die Heilige Schrift.
1. Als vierten Schaden erleidet die Seele durch ihre Begierden Besudelung und Befleckung, wie das Buch Jesus Sirach es lehrt: Qui tetigit picem, inquinabitur ab ea. – Wer Pech anrührt, besudelt sich (13,1). Pech aber rührt an, wer das Begehren seines Willens an einem Geschöpfe stillt. Der Weise vergleicht die Geschöpfe dem Pech, weil der Unterschied zwischen der Erlesenheit der Seele und selbst dem Besten aus der Schöpfung größer ist, als zwischen einem hellen Diamanten oder Feingold und dem Pech. Hält man nämlich Gold oder Diamanten
erhitzt über Pech, so werden sie davon hässlich geschwärzt, denn die Glut erweicht das Pech und zieht es an sich. Ebenso zieht die einem Geschöpfe brünstig zugeneigte Seele durch die Glut ihrer Leidenschaft Makel und Flecken an sich.
Auch unterscheidet sich die Seele von körperlichen Geschöpfen mehr als eine ganz geklärte Flüssigkeit von einem überaus schmutzigen Schlamm. Gleich wie eine solche Flüssigkeit sich trüben würde, wenn man sie mit dem Schlamm vermengte, so trübt sich die Seele, die sich an Geschaffenes hängt, denn sie wird ihm ähnlich. Und wie Rußstriche ein vollendet schönes Antlitz verunstalten, so verderben und beschmutzen ungeordnete Begierden die ihnen verfallene Seele, die an sich ein vollendet schönes Ebenbild Gottes ist.



06.02.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ACHTES KAPITEL

7. Wenn aber die ungezügelten Begierden über einen Mann mit so einsichtiger Unterscheidung von Gut und Böse so viel vermochten, was werden sie dann nicht über unsere Torheit vermögen? Wir wissen ja – nach dem Worte Gottes an Jonas über die Niniviten (4,11) – nicht zwischen links und rechts zu unterscheiden und halten nach eigenem Urteil bei jedem Schritt das Böse für gut und das Gute für böse; kommt nun zu dieser natürlichen Finsternis noch der Trieb hinzu, was dann? Es erginge uns nach dem Worte des Isaias: Palpavimus sicut caeco parietim, et quasi absque oculis attrectavimus: Impegimus meridie quasi tenebris (59,10). Der Prophet spricht hier zu jenen, die ihren Trieben folgen und will damit sagen: Wir tappen wie Blinde die Wand entlang, wir gehen tastend wie Augenlose. So blind sind wir, dass wir am hellen Mittag straucheln wir im Finstern. Dies widerfährt dem durch Begierden Verblendeten: Mitten im Wahren und Geziemenden wird er dessen nicht inne, so als stünde er in Finsternis.



05.02.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ACHTES KAPITEL

6. O wüssten doch die Menschen, welcher Wohltat Göttlichen Lichtes diese Verblendung durch ihre Leidenschaften und Begierden sie beraubt, und wie diese, werden sie nicht ertötet, sie täglich in Unheil und Schatten stürzen! Sie mögen sich nicht auf ihren guten Verstand und andere von Gott empfangene Gaben verlassen und meinen, diese würden sie davor bewahren, durch eine Leidenschaft oder Begierde verblendet oder vernebelt allmählich in Schlimmeres zu fallen. Wer hätte etwa gedacht, dass ein in Gottes Weisheit und Gnade so vollendeter Mann wie Solomon in seinem Alter so verblendet und willensschwach werden könnte, etlichen Götzen Altäre zu bauen und dort gar selbst anzubeten? (3 Kg 11,4.) Und dazu genügt seine Liebe zu den Frauen und dass er nicht darauf bedacht war, seinem Herzen die Begierden und Wonnen zu verwehren. Er selbst sagt ja von sich im Buche des Predigers (2,10), er habe seinem Herzen keinen Wunsch versagt. So viel vermochte dieses sich-verlieren in die Triebe, obwohl er zu Beginn tatsächlich noch den Anstand wahrte. Weil er sich aber nichts versagte, verblendeten die Leidenschaften ihn allmählich, sie verfinsterten seinen Verstand und kam so weit, dass ihm das helle Licht Gott geschenkter Weisheit erlosch. So fiel er im Alter ab von Gott.



04.02.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ACHTES KAPITEL

5. Sobald David solcher Verblendung inne wird und wie sehr die Seelen sich dem Licht der Wahrheit verschließen und Gott erzürnen, redet er sie an und sagt: Priusquam intellegerent spinae vestrae rhammum: Sicut viventes, sic in ira absorbet eos (Ps 57,10). Das will besagen: Ehe eure Dornen – nämlich eure Begierden – es meinen, gleichsam noch lebendig, wird Gott sie in Seinem Grimme hinwegraffen. Denn sicherlich:
Ehe die in der Seele lebenden Begierden Gott zu verstehen vermögen, wird er ihrer in diesem oder im anderen Leben habhaft werden, sie mit der Zuchtrute zu bessern und zu läutern. Und grimmig, so heißt es, wird Er sie anpacken; denn was man bei der Ertötung der Begierden erleidet, ist Strafe für die Verheerung, die sie in der Seele angerichtet haben.



03.02.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ACHTES KAPITEL

4. Darum ist die Torheit mancher Menschen sehr zu beklagen, die sich mit außerordentlichen Bußwerken und anderen freiwilligen Übungen beladen und meinen, dieses und jenes genüge, um zur Vereinigung mit der Göttlichen Weisheit zu gelangen; und es genügt keineswegs, wenn sie nicht eifrig streben, ihren Begierden zu entsagen. Wenn sie dafür sorgten, die Hälfte jener Mühen an dieses Entsagen zu wenden, sie kämen in einem Monat weiter voran als mit all den anderen Übungen in vielen Jahren. So wie das Erdreich bearbeitet werden muss, um Frucht zu tragen und ohne Bearbeitung nur Unkraut hervorbringt, so ist die Ertötung der Begierden für den Fortschritt der Seele unerlässlich. Ich wage zu sagen: Will sie ohne dieses Ertöten in der Vollkommenheit und in der Erkenntnis Gottes vorankommen, so wird sie nicht mehr erzielen als ein auf ungepflügtes Erdreich ausgestreuter Same. Nie werden Finsternis und Stumpfheit aus der Seele weichen, ehe die Begierden erlöschen. Sie sind wie grauer Star oder wie Flecken im Auge, die das Sehen verhindern, bis sie entfernt sind.



02.02.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ACHTES KAPITEL

3. Der Trieb blendet und verdunkelt die Seele, da der Trieb an sich blind ist. Er hat ja aus sich selbst keine Einsicht, und die Vernunft ist immer sein Blindenführer. So oft die Seele dem Triebe folgt, blendet sie sich; denn sie lässt sich als Sehende von einem Nichtsehenden leiten; dies ist so viel, als wären beide blind. Daraus ergibt sich, was unser Herr durch den heiligen Matthäus sagt: Si caecus caeco ducatum praestet, ambo in foveam cadunt. – Wenn ein Blinder einen Blinden führt, fallen beide in die Grube (15,14).
Wenig nutzen dem Schmetterling die Augen, wenn ihn das Begehren nach der Schönheit des Lichtes geblendet ins Feuer treibt. So können wir sagen: Wer seinen Trieben lebt, ist wie ein geblendeter Fisch, dem das Licht zur Finsternis wird, so dass er nicht wahrnimmt, welches Verderben die Fischer ihm bereiten. Dies gibt David sehr gut zu verstehen, da er von solchen sagt: Supercecidit ignis, et non viderunt solem (Ps 57,9). Damit ist gemeint: Licht überfiel ihre Augen und blendete sie; denn der Trieb ist wie Feuer, dessen Glut erhitzt und dessen Grellheit blendet. So wirkt der Trieb in der Seele, da er die Begierlichkeit entfacht und den Verstand blendet, so dass er sein Licht nicht wahrnehmen kann. Ursache der Blendung ist, dass die Seele, weil sie ein andersartiges Licht ins Blickfeld einlässt, an diesem Zwischenschritt die Sehkraft einbüßt und so das andere nicht mehr sieht. Da der Trieb der Seele so nahe ist, ja in ihr selbst, begegnet sie zuerst seinem Licht und weidet sich an ihm; dieses aber lässt sie das klare Licht des Verstandes nicht schauen, und sie wird es nicht schauen, ehe sie dieses Blendwerk der Triebe in ihrer Mitte verlöscht hat.



01.02.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ACHTES KAPITEL

2. Und ebenso wie im Verstande verdunkelt, wird sie auch im Willen gehemmt, im Gedächtnis abgestumpft und unverlässlich in ihrer Pflicht- erfüllung. Da nämlich die Betätigung dieser Fähigkeiten vom Verstande abhängt, so sind sie, wenn er behindert ist, erklärlicherweise zerrüttet und gestört. Darum sagt auch David: Anima mea turbata est valde. – Meine Seele ist ganz verstört (Ps 6,4), was besagt, in ihren Kräften zerrüttet. Denn, wie erwähnt, der Verstand mag ebenso wenig die Erleuchtung durch die Weisheit Gottes aufzunehmen, wie vernebelte Luft das Sonnenlicht, noch ist der Wille fähig, in sich Gott mit reiner Liebe zu umfangen - gleich wie ein angelaufener Spiegel das gegenwärtige Antlitz nicht klar darzustellen und ebenso wenig ein vom Dunkel des Begehrens umwölktes Gedächtnis sich ein klares Bild von Gott zu machen vermag, gleich wie trübes Wasser die Züge des Beschauers nicht deutlich wiedergeben kann.



31.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ACHTES KAPITEL

Die Begierden verdunkeln und blenden die Seele.
1. Als Drittes fügen die Begierden der Seele Blendung und Verdunkelung des Verstandes zu. Wie Dünste die Luft verdunkeln und die Sonne nicht hell leuchten lassen; oder wie ein getrübter Spiegel das Antlitz nicht rein aufzunehmen vermag; oder wie sich in schlammigem Wasser die Züge des Hineinblickenden nicht unterscheiden lassen, so ist die von Begierden eingenommene Seele im Verstande derart verfinstert, dass weder die Sonne der natürlichen Vernunft, noch die der übernatürlichen Weisheit Gottes Raum finden, um einzudringen und sie hell zu erleuchten. David sagt zu diesem Gegenstande: Comprehenderunt me inquitates meae, et non potui, ut viderum. – Meine Missetaten haben mich überwältigt, und ich kann nichts mehr sehen (PS 39,13).



30.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SIEBENTES KAPITEL

4. Zur Üppgigkeit gelangt, wer aus allen Begierden nach Geschöpfen ausgeht; denn die Geschöpfe quälen, Gottes Geist aber erquickt. Darum ruft Er uns durch den Hl. Matthäus die Worte zu: Venite ad me omnes qui laberatis et onerati estis, et ego reficiam vos, et invenietis requiem animabus vestris (11,28-29). Dies will besagen: Ihr alle, die ihr gequält, bedrängt und beladen seid mit euren Sorgen und Begierden, entrinnt ihnen, kommt zu Mir, und Ich will euch erquicken, und ihr werdet für eure Seelen die Ruhe finden, die eure Begierden euch rauben.
Sie sind ja eine schwere Last, weshalb auch David sagt: Sicut onus grave gravatae sunt super me. – Wie schwere Last, so lasten sie auf mir.



29.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SIEBENTES KAPITEL

3. Gott hat Mitleid mit solchen, die unter so viel Mühsal und auf Kosten ihrer selbst daran sind, das Dürsten und Hungern ihres Begehrens an den Geschöpfen zu stillen. Darum sagt Er durch Isaias: Omnes sitientes, venite ad aquas; et qui non habetis argentum, properate, emite et comedite: Venite, emite absque argento vinum et lac. Quare appenditis argentum non in panibus, et laborem vestrum non in saturitate?- Ihr alle, die ihr begierig dürstet, kommt zum Wasser! Und ihr ohne Geld des Eigenwillens und Strebens, eilet, kaufet von Mir und esset; kommt, und kaufet von Mir Wein und Milch – nämlich Frieden und geistige Süßigkeit – ohne das Geld des Eigenwillens und ohne Zins oder irgendwelchen Frondienst, wie ihr ihn den Begierden zollt. Warum gebt ihr das Geld eures Willens für etwas, das nicht Brot ist, nämlich nicht Göttlicher Geist, und wendet die Arbeit eurer Begierden an etwas, das nicht zu sättigen vermag? Kommt doch und hört auf Mich, und ihr werdet das Gut genießen, das ihr ersehnt, und eure Seele wird in Üppigkeit schwelgen.



28.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SIEBENTES KAPITEL

2. Das Begehren martert die Seele um so mehr, je heftiger es ist. Die Qual ist demnach so groß wie das Begehren; und je mehr Begierden sie beherrschen, um so mehr Qualen leidet sie; denn es erfüllt sich an dieser Seele schon in diesem Leben, was in der Offenbarung von Babylon geschrieben steht; Quantum glorificavit se, et in deliciis fuit, tantum date illi tormentum et luctum. – Soviel sie sich rühmte und schwelgte, soviel geht ihr Qual und Trauer (18,7). Gleich wie einer gequält und gepeinigt wird, der seinen Feinden in die Hände fallt, ebenso wird die Seele gequält und gepeinigt, sie sich von ihren Begierden treiben lässt. Dafür findet sich ein Bild im Buche der Richter (16,21), wo von jenem Riesen Samson zu lesen ist, der, zuvor stark und frei und Richter Israels, in die Macht seiner Feinde geriet, die ihn seiner Stärke beraubten, ihm die Augen ausstachen und ihn zum Drehen an eine Mühle banden, wobei sie ihn überaus quälten und bedrängten. Ebenso ergeht es der Seele, in der ihre Feinde, die Begierden, leben und herrschen. Vor allem schwächen und blenden sie die Seele, um sie dann – wie wir noch sagen werden - an die Mühle der Begierlichkeit gefesselt, zu bedrängen und zu quälen. Die Schlingen, die sie festhalten, sind ihre eigenen Begierden.



27.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SIEBENTES KAPITEL

Begierden quälen die Seele. Beweise durch Vergleiche und Stellen der Heiligen Schrift.
1. Das zweite Übel positiver Art, das die Begierden der Seele zufügen, besteht im Quälen und Betrüben so, als wäre einer zur Folter mit Stricken irgendwo festgebunden und fände keine Ruhe, ehe er sich befreit hat. David sagt deswegen: Funes peccatorum circumpli sunt me. – Die Stricke meiner Sünden – nämlich meine Begierden – umschlingen mich (Ps 118,61).
Gleich wie einer sich peinigt und quält, der sich nackt auf spitze Dornen legt, so peinigt und quält sich die Seele, die auf ihren Begierden lagert; denn sie verwunden, ritzen, dringen ein und hinterlassen Schmerz gleich wie Dornen. Auch davon spricht David: Circumdederunt me sicut apes, et exarserunt sicut ignis in spinis. – Sie umschwärmten mich wie Bienen, versehrten mich mit ihren Stacheln und entbrannten wider mich wie Feuer im Gedörn (Ps 117,12).; denn an den Begierden, dies sind die Dornen, nährt sich das Feuer der Angst und Qual.
So wie der Ackersmann den Ochsen am Pfluge antreibt und peinigt, begierig auf die erhoffte Ernte, so treibt die Lüsternheit eine dem Begehren unterjochte Seele, um das Ersehnte zu erlangen. Dies lässt sich gut am Begehren der Dalila erkennen, die durchaus wissen wollte, was es mit der Kraft Samsons auf sich habe. Die Heilige Schrift sagt, sie bedrängte und quälte ihn so sehr, dass er fast zu Tode kam: Deficit anima eius, et ad mortem usque lassate est. – Das ward sein Geist sterbensmatt (Richt 16,16).



26.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHSTES KAPITEL

7. Mit dem Begehren steht es in dieser Sicht sogar schlimmer; denn das Feuer erlischt, sobald das Holz verzehrt ist; das Begehren aber erlischt nicht, so wie es anwuchs, da es zur Tat trieb; ist das Material aufgezehrt, so erlischt das Begehren nicht gleich dem Feuer, das keinen Brennstoff mehr hat. Es verfällt in Müdigkeit, da der Hunger zu und die Nahrung abnimmt. Dies meint Isaias mit den Worten: Declinabit ad dexteram, et esuriet; et comedet ad sinistram, et non saturabitur. – Man wendet sich rechts und bleibt hungrig; man isst von links und wird nicht satt (9,20). Mit Recht leiden jene Hunger, die ihre Begierden nicht ertöten. Geht es mit ihnen zu Ende, dann sehen sie jene, die zur Rechten Gottes stehen, mit süßem Geiste gesättigt, ihnen aber wird er nicht gewährt. Und laufen sie nach links, um nämlich ihr Begehren an irgendeinem Geschöpf zu stillen, so werden sie mit Recht nicht satt. Sie haben ja verlassen, was einzig sättigen kann und weiden sich an Dingen, die den Hunger mehren. So ist es klar, dass die Begierden die Seele ermüden und erschöpfen.



25.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHSTES KAPITEL

6b. Die Seele ermüdet und erschöpft sich mit ihren Begierden, denn sie ist von ihnen befallen, aufgewühlt und gepeitscht wie das Wasser vom Sturm. Sie lärmen in ihr und gönnen ihr nirgendwo und in keinem Dinge Rast. Von einer solchen Seele sagt Isaias: Cor impii quasi mare fervens. Das Herz des Böse ist wie ein brandendes Meer (57,20). Böse ist, wer seiner Begierden nicht Herr wird.
Müde und erschöpft wird die Seele, die ihre Begierden stillen will. Sie ist ja wie ein Hungriger, der den Mund auftut, um sich mit Wind zu sättigen, aber nicht satt wird, sondern noch mehr ausgedörrt; denn dies ist keine Nahrung für ihn. Hierzu sagt Jeremias: In desiderio animae suae attraxit ventum amoris sui. – In ihres Willens Gier schnappt sie nach Luft für ihr Lieben (2,24). Gleich darauf deutet er die Trockenheit an, in die eine solche Seele gerät und warnt sie: Prohibe pedem tuum a nuditate, et guttur tuum a siti. – Hüte deinen Fuß – nämlich deine Überlegung – vor Blöße und deine Kehle vor Durst (2,25); dies bedeutet: Dein Streben nach Befriedigung der Begierden vermehrt die Trockenheit. Wie ein Verliebter sich abmüht und erschöpft am Tage, da er hofft und sein Wurf ins Leere fällt, so ermüdet und erschöpft sich die Seele mit all ihren Wünschen und deren Erfüllung; denn sie alle machen sie hohler und hungriger. Man sagt oft, das Begehren ist wie ein Feuer: Legt man Holz zu, so lodert die Flamme auf; ist es verzehrt, so muss sie wohl zusammensinken.



24.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHSTES KAPITEL

6a. Was die Erste anlangt, so ist es klar, dass die Begierden die Seele ermüden und erschöpfen. Sie sind ja gleich unruhigen, unzufriedenen Kleinkindern, die ihre Mutter dauernd um dies oder jenes anbetteln und - sich nie zufrieden geben So wie ein habgieriger Schatzgräber sich abmüht und erschöpft, so bemüht und erschöpft sich die Seele, um alles zu erlangen, was ihre Begierden von ihr fordern. Und erlangt sie es endlich, so plagt sie sich weiter; denn sie hat nie genug. Sie gräbt ja im Grunde undichte Zisternen, die das Wasser nicht halten können, den Durst zu stillen, gleich wie Isaias sagt: Lassus adhuc sitit, et anima eius vacua est. – Noch dürstet der Müde, und seine Seele ist unerfüllt, und die begierige Seele ermüdet und erschöpft sich gleich einem Fieber- kranken, dem nicht wohl ist, ehe das Fieber ihn verlässt; denn sein Durst wächst unablässig. Darum heißt es im Buche Job: Cum satiatus fuerit, arctabitur, aestuabit, et omnis dolor irruet super eum. – Nach Stillung seines Begehrens ward er noch mehr bedrängt und belastet: In seiner Seele wuchs die Glut des Triebes und der ganze Schmerz überfiel ihn (20,22).



23.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHSTES KAPITEL

4. Aus dem Gesagten ist zu ersehen, um wieviel mehr Gott tut, wenn Er eine Seele reinigt und von solchen Hindernissen befreit, als wenn Er sie aus dem Nichts erschafft, denn diese Hindernisse entgegengesetzter Neigungen und Begierden widerstehen Gott viel feindlicher als das Nichts, das Ihm ja nicht widersteht.
Dies genügt zur Darlegung des ersten Hauptschadens, den die Begierden der Seele zufügen durch Widerstand gegen den Geist Gottes. Wir haben ja zuvor schon viel darüber gesagt.
5. Nun sprechen wir von der zweiten Wirkung, die sie in ihr hervor-bringen. Sie hat mancherlei Weisen, denn die Begierden ermüden, quälen, verdunkeln, beflecken und schwächen die Seele. Jede dieser fünf Wirkungen wollen wir für sich besprechen.



22.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHSTES KAPITEL

3. Sämtliche Geschöpfe sind Krumen, die vom Tische Gottes fallen. Darum wird jener mit Recht Hund genannt, der hingeht, sich an den Geschöpfen zu weiden. Solchen aber wird das Brot der Kinder genommen; sie wollen sich ja nicht von den Abfällen zum Tisch des unerschaffenen Geistes ihres Vaters erheben. Und eben deshalb leiden sie, gerechterweise, den Hunden gleich, immer Hunger. Abfälle reizen ja mehr den Appetit, als dass sie den Hunger stillen. Von solchen sagt David: Fanem patientur ut canes, et circuibunt civitatem. Si vero non fuerint saturati, et murmurabunt. – Sie werden Hunger leiden wie Hunde und die Stadt durchstreifen. Werden sie nicht satt, so knurren sie (Ps 58,15-16).
Dies ist die Art eines triebhaften Menschen: Immer unzufrieden und mürrisch zu sein wie ein Hungriger. Was aber ist der Hunger, den alle Geschöpfe nicht stillen können, der Sättigung gegenüber, die Gottes Geist bewirkt? Diese unerschaffene Sättigung aber kann in die Seele nicht eindringen, ehe nicht der erschaffene Hunger des Begehrens aus ihr vertrieben ist; denn, wie wir schon sagten, zwei Gegensätze können nicht in einem Subjekt verbleiben; in diesem Falle wären es Hunger und Sättigung.


21.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHTES KAPITEL

2. Auch bei natürlichem Schaffen kann keine Form eingeprägt werden, ehe dem Material die gegensätzliche Form, die es zuvor hatte, genommen wurde, die ja wegen des Widerstreites der beiden gegeneinander hinderlich ist. Ebenso wenig kann in eine Seele, deren Geist den Sinnen untertan ist, ein Geist von lauterer Geistigkeit eingehen. Darum sagt unser Heiland durch den Hl. Matthäus: Non est bonum summere panem filiorum et mittere canibus. – Es geziemt sich nicht, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hunden hinzuwerfen (15,26). Und an anderer Stelle sagt er durch den gleichen Evangelisten: Nolite sanctum dare canibus. – Gebet das Heilige nicht den Hunden preis! (7,6). An diesen beiden Stellen vergleicht unser Herr jene, die sich durch Verneinung der geschöpflichen Gelüstete dem Empfange des Geistes Gottes rein bereiten, mit Kindern Gottes; jene aber, die ihre Gier an Geschöpfen stillen wollen, mit Hunden; denn die Kinder dürfen an des Vaters Tisch und von seiner Schüssel essen, nämlich ihren Geist weiden, für die Hunde sind die Abfälle vom Tische.



20.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHTES KAPITEL

Von den wichtigsten, durch die Begierden in der Seele verursachten Schäden; was sie ihr entziehen und was sie ihr zufügen.
1. Zum besseren und umfassenderen Verständnis des Gesagten wäre es gut, hier die zwei wichtigsten Schäden darzulegen, die in der Seele durch die Begierden verursacht werden. Der eine: Sie entziehen der Seele den Geist Gottes; der andere: Sie ermüden, quälen, verdunkeln, beflecken und schwächen die Seele. Jeremias sagt davon: Duo mala fecit populus meus: deliquerunt fontem aquae vivae, et foderunt sibi cicsternas dissipatas, quae continere non valent aquas. – Zwei Übel hat mein Volk sich angetan: Sie haben den Quell lebendigen Wassers verlassen und sich undichte Zisternen gegraben, die das Wasser nicht zu halten vermögen (Jer 2,13). Diese beiden Übel, nämlich das negative Entziehen und das positive Zufügen werden durch eine ungeordnete Regung des Begehrens verursacht.
Wir befassen uns zunächst mit dem Entzuge: Die Sache ist klar. So wie die Seele sich an etwas hängt, das als Geschöpf zu bezeichnen ist, hat sie, je mehr Raum die Begierde in ihr einnimmt, um so weniger Fassungskraft für Gott; denn zwei Gegensätze vertragen sich – wie die Philosophen sagen und wir schon im vierten Kapitel erwähnten – nicht in einem Subjekt. Neigung zu Gott und Neigung zu den Geschöpfen sind Gegensätze, folglich finden in einem Willen Neigung zu den Geschöpfen und Neigung zu Gott nicht Raum. Denn was hat das Geschöpf mit dem Schöpfer gemein, was das Sinnenhafte mit dem Geistigen, das sichtbare mit dem Unsichtbaren, das Zeitliche mit dem Ewigen, rein geistige Himmelsnahrung mit bloß sinnlicher Speise, die Blöße Christi mit dem Hängen an einem Ding?


19.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFTES KAPITEL

8. Gott lässt nicht zu, dass etwas anderes mit ihm zugleich verbleibe. Darum steht im ersten Buch der Könige zu lesen: Als die Philister die Bundeslade in den Tempel ihres Götzen gebracht hatten, fand man diesen jeden Morgen zu Boden geworfen und in Stücke zerbrochen
(1 Sm 5,2-4). Nur ein Begehren duldet Er und wünscht Er dort zu finden, wo Er ist: Das Begehren, Gottes Gesetz vollkommen zu halten und das Kreuz auf sich zu nehmen. Darum vermeldet die Heilige Schrift nichts davon, dass Gott in die Bundeslade zum Manna noch etwas anderes hätte legen lassen, als nur das Gesetzbuch und den Stab des Moses
(Dt 31,26; Num 17,10; Hebr 9,4), der das Kreuz bedeutet. Eine Seele, die nichts anderes erstrebte, als das Gesetz des Herrn vollkommen zu erfüllen und das Kreuz Christi zu tragen, wäre eine wahre Bundeslade und enthielte das wahre Manna, nämlich Gott, wenn sie dahin käme, einzig dieses Gesetz und diesen Stab vollkommen in sich zu bewahren und sonst durchaus nichts.



18.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFTES KAPITEL

7. Diese drei Dinge geben zu verstehen: Jede Seele, die diesen Berg ersteigen will, um sich oben selber zum Altar zu machen, auf dem sie Gott ein Opfer reiner Liebe und Ehrfurcht und reinen Lobes darbringt, hat vor dem Aufstieg zum Gipfel des Berges eben die drei angeführten Dinge genau zu vollziehen: Erstens alle fremden Götter zu entfernen, nämlich die sonderbaren Neigungen und Anhänglichkeiten; zweitens, sich durch die erwähnte dunkle Nacht der Sinne zu reinigen im Nachgeschmack der Begierden durch deren beständiges Verleugnen und Bereuen; drittens, um zu diesem hohen Gipfel zu gelangen, muss sie das Gewand wechseln. Gott wird ihr mittels der beiden ersten Bedingungen das alte in ein neues wandeln, Er wird in die Seele ein neues Verstehen Gottes in Gott senken, wenn das alte, menschliche Verstehen gelassen ist; und ein neues Lieben Gottes in Gott, wenn der Wille all seiner alten, menschlichen Wünsche und Gelüstete entblößt ist; und Er wird der Seele ein neues Erkennen und abgrundtiefe Wonne mitteilen, wenn alle anderen alten Erkenntnisse und Vorstellungen beseitigt sind; Er wird alles dem alten Menschen eigene, nämlich die natürliche Tüchtigkeit, ausschalten, und die Seele mit neuen, übernatürlichen Fähigkeiten und in all ihren Kräften bekleiden. So wandelt sich ihre menschliche Wirkweise in eine göttliche. Dies erreicht sie durch den Stand der Vereinigung, in dem die Seele nur noch als Altar dient, auf dem Gott angebetet wird in Lob und Liebe, und Gott allein in ihr weilt. Darum ordnete Gott an, dass der Altar, auf dem die Bundeslade stehen sollte, innen hohl sei (Ex 27,8). Die Seele möge daraus schließen, wie leer von allen Dingen Gott sie haben wolle, damit sie der Göttlichen Majestät ein würdiger Altar sei. Auf diesem Altar durfte einerseits kein fremdes Feuer brennen, andererseits das eigene nie verlöschen. So zwar, dass unser Herr, erzürnt ob der beiden Söhne des Hohenpriester Aaron, Nadab und Abiud, die fremdes Feuer auf Gottes Altar brachten, sie allhier vor dem Altar tötete (Lev 10,1). Dies gibt uns zu verstehen, dass auf einem würdigen Altar nie das Feuer der
Gottesliebe mangeln, noch auch eine fremde Liebe sich einmengen darf.



17.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFTES KAPITEL

6. So darf man es auch deuten, dass Gott dem Moses befahl, den Berg zu besteigen, um mit ihm zu reden. Er gebot ihm nicht nur, allein aufzusteigen und die Söhne Israels unten zu lassen, sondern es durfte nicht einmal das Vieh im Umkreis des Berges weiden: Nellus ascendat tecum, nec videat quispiam per totum montem, boves quoque et oves non pascant e contra (Ex 34,3).
Dies gibt zu verstehen, dass die Seele, um zum Berg der Vollkommen- heit aufsteigen und mit Gott verkehren zu können, nicht nur auf alle Dinge verzichten und sie unten lassen muss, sondern auch die Begierden, das sind die Tiere, dürfen nicht im Umkreis des Berges weiden, nämlich nichts genießen, was nicht rein Gott ist, in dem jedes Begehren vergeht. Dies ist der Stand der Vollkommenheit.
Darum ist Weg und Aufstieg zu Gott notwendig, die dauernde Sorge um das Schwinden und Ersterben der Begierden. Die Seele kommt um so früher ans Ziel, je mehr sie sich damit beeilt. Doch eher die Begierden vergehen, erreicht sie das Ziel nicht, mag sie noch so viele Tugenden üben. Sie vermag diese ja nicht zur Vollendung zu bringen, die eben darin besteht, die Seele leer und bloß und aller Begierden ledig zu halten. Davon gibt uns das Buch Genesis ein sehr lebendiges Bild. Da steht zu lesen, dass der Patriarch Jakob, als er den Berg Bethel besteigen wollte, um dort Gott einen Altar zu erbauen und Opfer darzubringen, seinem Volk drei Dinge gebot: Erstens, alle fremden Götter auszurotten; zweitens, sich zu reinigen; drittens, die Kleidung zu wechseln: Abcite deos alienos qui in medio vestri sunt, et mundamini ac mutate vestimenta (Gen 35,2).



16.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFTES KAPITEL

4. O wüssten die Geistesmenschen, welches Gut und welche Fülle des Geistes ihnen entgeht, weil sie das Verlangen nach Kindereien nicht aufgegeben wollen! Wie würden Sie in dieser einfachen geistigen Speise den Wohlgeschmack sämtlicher Dinge finden, sobald sie ihn nicht mehr zu verkosten begehrten! Doch sie verspüren ihn nicht. Jene wurden des Wohlgeschmackes aller Speisen, den das Manna enthielt, nicht inne, weil sie ihr Begehren nicht allein auf dieses richteten. Sie vermissten also den erwünschten Wohlgeschmack und Nährgehalt im Manna nicht, weil er diesem mangelte, sondern weil es sie nach anderem gelüstete.
Ebenso schätzt einer Gott gering, der zugleich mit Gott etwas anderes lieben will; denn er legt ja mit Gott zugleich, wie gesagt, etwas von Gott äußerst Entferntes auf dieselbe Waage.
5. Man weiß es gut aus Erfahrung: Neigt der Wille sich einer Sache zu, so schätzt er sie höher als eine andere, mag diese auch besser sein, doch nicht nach seinem Geschmack; und will er beide verkosten, so tut er der höheren notwendig Schmach an; denn er stellt ja die beiden einander gleich. Da nun kein Ding Gott gleichkommt, so fügt die Seele Gott schwere Unbill zu, wenn sie mit ihm zugleich etwas anderes liebt und sich daran hängt. Und ist dem so, was wäre erst, wenn sie es mehr liebte als Gott?



15.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFTES KAPITEL

3. Im Buche Exodus (Kap.,16) findet sich dafür ein Bild; da steht zu lesen, dass Gott den Söhnen Israels das Brot vom Himmel, nämlich das Manna, nicht gab, ehe sie das aus Ägypten mitgeführte Mehl aufgezehrt hatten. Das besagt, es gezieme sich, vorerst auf alles zu verzichten; denn Engelspeise ist nicht für Gaumen, die an Menschenkost Geschmack finden. Und die Seele, die bei gottfremden Genüssen verweilt und sich an ihnen weidet, macht sich nicht nur unfähig, den Göttlichen Geist zu erfassen, sie erzürnt sogar die Göttliche Majestät gar sehr, da sie Geistesnahrung beansprucht, sich aber nicht mit Gott allein zufrieden gibt, sondern auch Trieb und Neigung zu anderen Dingen mitspielen lässt. Dies ist aus dem gleichen Buche der Heiligen Schrift ersichtlich (V. 8-13), in dem auch erzählt wird, dass die Israeliten, unzufrieden mit jener so einfachen Speise, verlangten und erbaten, Fleisch zu essen. Darob wurde der Herr ernstlich böse, weil sie ein so gemeines und grobes Gericht der so erhabenen und einfachen Speise beimengen wollten, die, wenn auch einfach, doch Wohlgeschmack und Nährgehalt aller Speisen in sich enthielt. Darum kam, als sie den Bissen noch im Mund hatten, wie David sagt, der Zorn Gottes auf sie herab – Ira Dei descendit super eos (Ps 77, 31); Er warf Feuer vom Himmel, das viele Tausende von Ihnen verzehrte, denn Er hielt ihre Gier nach anderer Speise für unwürdig, da Er ihnen Himmelsbrot gegeben hatte.



14.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFTES KAPITEL

Weiterführung des gesagten, Beweise aus der Heiligen Schrift für die Notwendigkeit seelischen Durchleidens der dunklen Nacht des Ersterbens jeglicher Begierde nach irgendeinem Ding
1. Aus dem Gesagten ist einigermaßen die Entfernung zwischen allem Geschaffenen, so wie es in sich ist, und Gott, so wie Er in sich ist, zu ersehen, und wie die Seelen, die sich einem Geschöpfe zuneigen, in dieselbe Entfernung zu Gott geraten; denn, wie gesagt, Liebe gleicht an und verähnlicht. Der hl. Augustinus hat diese Entfernung gut erschaut und sagt zu Gott in seinen Soliquia: Ich Unseliger! Wann darf sich meine Unzulänglichkeit und Unvoll- kommenheit heranwagen an deine Gerechtigkeit? Du bist wahrhaft gut, ich bin böse; du gütig und ich ungut; du heilig und ich elend; du gerecht, ich ungerecht; du leuchtend, ich blind; du Leben, ich Tod; du heilend, ich siech; du reinste Wahrheit, ich lauter Eitelkeit. Soweit der Heilige.
2. Sehr unwissend ist also die Seele, wenn sie meint, in den erhabenen Stand der Vereinigung mit Gott eingehen zu können, ohne sich zuvor ihres gesamten hinderlichen Begehrens nach Natürlichem und Übernatürlichem entledigt zu haben, wie wir noch erklären werden; denn es besteht eine äußerste Entfernung zwischen diesen Dingen und dem, was dieser Stand gewährt, nämlich der lauteren Umgestaltung in Gott. Darum sagt unser Herr, da Er uns diesen Weg lehrt, durch den hl. Lukas: Qui non renuntiat omnibus quae possidet, non potest meus esse discipulus. – Wer nicht allem entsagt, was er besitzt, kann mein Jünger nicht sein (14,33). Dies ist klar. Der Sohn Gottes kam, um die Gering- schätzung aller wertlosen Dinge zu lehren, damit man den Wert des Gottesgeistes in sich aufnehmen könne. Solange die Seele sich nicht von allem los macht, mangelt ihr die Fähigkeit, den Geist Gottes in reiner Umgestaltung aufzunehmen.



13.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERTES KAPITEL

8. Die göttliche Weisheit hat Mitleid mit solchen, die sich hässlich, gemein, elend und arm machen, weil sie an der Welt lieben, was ihnen schön und reich erscheint, und ruft in den Sprichwörtern aus: O viri, ad vos clamito, et vox mea ad filios hominum. Intellegite, parvuli, astutiam, et insipientes, animadvertite. Audite quia de rebus magnis locutura sum. Und weiterhin: Mecum sunt divitiae et gloria, opes superbae et iustitia. Melior est fructus meus auro et lapide pretioso, et genimina mea argento electo. In viis iustitiae ambulo, in medio semitarum iudicii, ut ditem diligentes me, et thesauros eorum repleam. – O Männer, euch ruf‘ ich zu, und meine Stimme tönt den Menschenkindern! Werdet klug, ihr Kleinen, ihr Einfältigen, habet acht! Horchet auf, denn ich will von großen Dingen reden… Bei mir sind Reichtum und Ruhm, kostbare Schätze und Gerechtigkeit. Besser ist meine Frucht als Gold und Edelgestein, und was ich zeuge - nämlich: Was ich in euren Seelen hervorbringe – ist erlesen wie Silber. Ich wandle die Wege der Gerechtigkeit, mitten auf den Pfaden der Urteilskraft, um zu bereichern, die mich lieben und ihre Schatzkammern zu füllen (Spr 8,4-6;18-21). Diese Worte richtet die Göttliche Weisheit an all jene, die ihres Herzens Neigung an irgendein Ding der Welt hängen (auf die beschriebene Weise). Sie nennt solche klein, denn sie verähneln sich dem Gegenstand ihrer Liebe, und der ist klein. Darum rät sie ihnen, klug zu sein und zu beachten, dass sie von großen Dingen rede und nicht von kleinen gleich ihnen. Der große Reichtum und Ruhm, den sie lieben, ist bei ihr und in ihr und nicht dort, wo sie meinen; erhabene Schätze und Gerechtigkeit wohnen in ihr. Erscheinen den Menschen auch die Dinge der Welt als kostbar, so mögen sie doch innewerden, dass die Göttliche Weisheit viel Besseres birgt. Ihre Früchte gehen über Gold und Edelgestein. Und was sie in den Seelen hervorbringt, ist besser als erlesenes Silber, das sie so sehr lieben, womit jede Art der Zuneigung gemeint ist, die sie in diesem Leben hegen können.



12.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERTES KAPITEL

6. Darum wird eine Seele, die hohe Würden und Ämter und Freiheit für Ihre Begehren liebt, von Gott nicht wie ein freies Kind angesehen, sondern wie ein gemeiner Sklave und Häftling; denn sie hat nicht Seine heilige Lehre annehmen wollen, die besagt, wer der Größte sein will, sei der Geringste, und wer der Geringste sein will, sei der Größte (Lk 22,26). So kann die Seele nicht zur Freiheit des Geistes gelangen, die mit der Gottvereinigung gegeben ist; denn Knechtschaft und Freiheit sind durchaus unvereinbar. Freiheit kann nicht in einem Liebhabereien unterworfenen Herzen wohnen, denn dies ist ein Sklavenherz, sondern nur in einem freien Herzen, dies ist ein Kinderherz. Darum sagt Sarah ihrem Gatten Abraham, er möge die Magd mit dem Sohne fortjagen; der Sohn der Sklavin dürfe nicht Erbe sein mit dem Sohn der Freien (Gn 21,10).
7. f) Und alle Wonnen und Genüsse an sämtlichen Dingen der Welt, mit dem Willen verkostet, sind im Vergleich zum Genusse Gottes die ärgste Pein und Qual und Bitterkeit. Darum ist auch einer, der sein Herz daran hängt, vor Gott der ärgsten Pein und Qual und Bitterkeit würdig. Wer aber der Pein und Bitterkeit würdig ist, kann zur wonnevollen Umarmung der Gottvereinigung nicht gelangen.
g) Aller Reichtum und Glanz der gesamten Schöpfung ist, mit Gottes Reichtum verglichen, nichts als Armut und tiefstes Elend. Darum ist die Seele, die solches besitzt, ganz arm und elend vor Gott, und so kann sie nicht zum herrlichen Reichtum des Standes der Umgestaltung in Gott gelangen. Dieser Elendste und Ärmste ist ja äußerst ferne vom Reichsten und Herrlichsten.



11.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERTES KAPITEL

5. Darum ist jede Seele, die auf ihre Weisheit und Tüchtigkeit zählt, um zur Vereinigung mit Gottes Weisheit zu gelangen, äußerst töricht vor Gott und weit von ihr entfernt. Die Torheit weiß ja gar nicht, was Weisheit ist; und der hl. Paulus sagt, solche Weisheit sei Torheit vor Gott. Vor Gott sind nämlich jene, die etwas zu wissen meinen, sehr unwissend. Von ihnen schreibt der Apostel an die Römer: Dicentes enim se esse sapientes, stulti facti sunt. – Da sie sich für Weise hielten, wurden sie zu Toren (1,22). Nur jene werden die Weisheit Gottes umfangen, die ihr Wissen dahingehend und gleich unwissenden Kindern in Liebe dienen. Diese Art von Weisheit lehrt auch der hl. Paulus die Korinther:
Si quis videtur inter vos sapiens esse in hoc saeculo, stultus fiat ut sit sapiens. Sapienta enim huius mundi stultitia est apud Deum. – Scheint einer unter euch weise zu sein, mache er sich zum Toren, um weise zu werden; denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott (I,3,18-19). Will also eine Seele sich mit der Weisheit Gottes vereinigen, so wandle sie eher im Nichtwissen als im Wissen.
e) Und alle Herrschaft und Freiheit der Welt ist im Vergleich zur Freiheit und Herrschaft des Gottesgeistes tiefste Knechtschaft und Enge und Kerker.



10.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERTES KAPITEL

4. Das gesamte Sein der Geschöpfe ist demnach, mit Gottes unendlichem Sein verglichen, so gut wie nichts. Darum aber ist eine Seele, die an ihnen hängt, vor Gott ebenso nichts und weniger als nichts; denn, wie gesagt, die Liebe schafft Gleichheit und Ähnlichkeit und erniedrigt sogar unter das, wo man liebt. Darum vermag sich eine Seele dieser Art in keiner Weise dem menschlichen Sein Gottes zu vereinigen; denn was nicht ist, passt nicht zu dem, der ist. Wir bringen einige Beispiele:
a) Alle Schönheit der Geschöpfe ist im Vergleich mit der unendlichen Schönheit Gottes überaus hässlich, wie Solomon in seinen Sprüchen sagt: Fallax gratia, et vana est pulchritudo. – Anmut täuscht, und flüchtig ist Schönheit (31,30). Darum ist eine Seele, die an der Schönheit eines Geschöpfes hängt, vor Gott überaus hässlich. Eine hässliche Seele aber kann nicht in die Schönheit Gottes umgestaltet werden; denn die Missgestalt erschwingt sich nicht zur Schönheit.
b) Und alle Huld und Anmut der Geschöpfe ist im Vergleich mit Gottes Huld höchst widerlich und abstoßend. Darum ist die Seele, die sich verliebt in Huld und Anmut der Geschöpfe ganz reizlos und abstoßend in Gottes Augen; denn so ist sie der unendlichen Huld Gottes und Seiner Lieblichkeit nicht fähig, weil das Unholde weit entfernt ist vom Huldvollen.
c) Und alles Gutsein der Geschöpfe dieser Welt kann, mit dem Gutsein Gottes verglichen, Bosheit genannt werden; denn niemand ist gut außer Gott (Lk 18,19). Darum ist die Seele, die ihr Herz an das Gute dieser Welt hängt, äußerst böse vor Gott. Da nun Bosheit nicht Raum hat für Güte, vermag eine solche Seele sich Gott nicht zu vereinigen, der die höchste Güte ist.
d) Und alle Weisheit der Welt samt menschlicher Tüchtigkeit ist verglichen mit der unendlichen Weisheit Gottes abgründige Unwissenheit, wie es der hl. Paulus auch an die Korinther schreibt mit den Worten: Sapientia huius mundi stultitia est apud Deum. – Die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott (I,3,19).



09.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERTES KAPITEL

3. Um das Gesagte besser zu erweisen, geben wir zu wissen, dass Zuneigung zu einem Geschöpfe und das Hängen an ihm die Seele ihm angleicht, und je größer die Zuneigung, um so mehr gleicht sie an und verähnelt sie, die Liebe schafft ja Ähnlichkeit zwischen dem Liebenden und dem Geliebten. Darum sagt David von jenen, die ihre Neigung Götzenbildern zuwenden: Similes illis fiant qui faciunt ea et omnes qui confidunt in eis - Ihnen möge gleich werden, die sie machen und die ihnen vertrauen (Ps 113,8). Wer also ein Geschöpf liebt, bleibt so niedrig wie dieses Geschöpf und gewissermaßen noch niedriger; denn die Liebe gleicht nicht nur an, sondern unterwirft sogar den Liebenden dem Geliebten. Demnach macht sich die Seele durch die Tatsache selbst, dass sie etwas liebt, unfähig zu reiner Vereinigung mit Gott und zur Umgestaltung in ihn; denn die Niedrigkeit des Geschöpfen vermag die Erhabenheit des Schöpfers noch viel weniger zu fassen, als Finsternis das Licht. Alle Dinge der Erde und des Himmels sind ja, mit Gott verglichen, nichts, was Jeremias mit diesen Worten sagt: Aspexi terram, et ecce vacua erat et nihil; et caelos, et non erat lux in eis. – Ich schaute zur Erde: Nur Leere, sonst nichts; zum Himmel und sah kein Licht (4,23). Mit dem Worte, er sah die Erde leer, gibt er die Nichtigkeit aller irdischen Geschöpfe und die Nichtigkeit der Erde selbst zu verstehen. Mit dem Worte aber, dass er die Himmel schaute und kein Licht in ihnen, sagt er, alle Himmelsleuchten seien, mit Gott verglichen, lauter Finsternis. Demnach sind in dieser Sicht alle Geschöpfe nichts, und das Hängen an ihnen können wir weniger als nichts nennen, da es die Umgestaltung in Gott behindert und vereitelt. So ist auch die Finsternis nichts und weniger als nichts, denn sie ist Entzug des Lichtes. Wie also einer, in dem es finster ist, das Licht nicht erfasst, so kann eine Seele, die an Geschöpfen hängt, Gott nicht erfassen. Ehe sie dessen ledig ist, kann sie ihn weder diesseits durch reine Liebesumgestaltung noch jenseits durch klare Schau besitzen. Der größeren Deutlichkeit wegen wollen wir mehr ins Einzelne gehen.



08.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERTES KAPITEL

Es ist der Seele wahrhaft vonnöten, durch Abtöten des Begehrens in diese dunkle Nacht der Sinne einzugehen, um durch sie hindurch zur Vereinigung mit Gott zu gelangen.
1. Das Durchleiden dieser dunklen Nacht der Abtötung des Begehrens und das Abweisen des Genießens aller Dinge sind der Seele notwendig, weil jedes Hängen an Geschöpfen vor Gott lauter Finsternis ist, und eine damit bedeckte Seele ist unfähig, vom reinen und einfachen Lichte Gottes durchstrahlt und ergriffen zu werden, ehe sie dies nicht abgelegt hat. Denn Licht und Finsternis gehen nicht zusammen. Der hl. Johannes sagt: Tenebrae eam non comprehenderunt – Die Finsternis kann das Licht nicht aufnehmen (1,5).
2. Dies hat, wie die Philosophie lehrt, seine Ursache in der Unmöglichkeit, zwei Gegensätze in einem Subjekt zu vereinigen. Die Finsternis, nämlich das Hängen an den Geschöpfen, und das Licht, das ist Gott, stehen einander entgegen und haben keine Ähnlichkeit oder Gemeinschaft miteinander, wie der hl. Paulus es im Korintherbrief (II, 6,14) lehrt: Quae convetio lucis ad tenebras? – Was haben Licht und Finsternis gemein? Darum kann das Licht der Gottvereinigung die Seele nicht einnehmen, ehe die Anhänglichkeiten aus ihr verscheucht sind.



07.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DRITTES KAPITEL

4. In diesem Sinne sagt David: Pauper sum ego et in laboribus a inventute mea. – Arm bin ich in und in Mühsal von Jugend auf (Psalm 87, 16). Er nennt sich arm – obwohl er offenbar reich war-;
Denn sein Wille hing nicht am Reichtum, und so war er wirklich so gut wie arm. Wäre er hingegen tatsächlich arm gewesen, doch nicht dem Willen nach, so wäre er nicht wahrhaft arm; denn der Begierde nach wäre seine Seele reich und voll. Darum bezeichnen wir diese Entblößung als Nacht für die Seele. Wir handeln hier ja nicht vom Entbehren der Dinge – denn dies entblößt die Seele nicht, so lange sie nach ihnen verlangt - sondern von der Entblößung von der Lust und dem Verlangen danach; dies ist es, was die Seele frei und leer macht, auch wenn sie etwas besitzt. Nicht die Dinge dieser Welt bemächtigen sich der Seele und schädigen sie, da sie ja nicht in sie eindringen, sondern der Wille, der nach ihnen verlangt und in der Seele wohnt.
5. Diese erste Weise der Nacht umfängt, wie wir später zeigen werden, die Seele in ihrem sinnlichen Teile nach. Sie ist eine von den beiden, die, wie oben gesagt, die Seele zu durchleiden hat, um zur Vereinigung mit Gott zu gelangen.
Nun wollen wir sagen, wie sehr es der Seele frommt, in dieser dunklen Nacht der Sinne aus ihrem Hause auszugehen, um sich auf den Weg zu machen, der zur Vereinigung mit Gott führt.



06.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DRITTES KAPITEL

3. Dies hat seinen Grund darin, dass die Seele – wie die Philosophen sagen – sobald Gott sie dem Körper einhaucht, wie eine leere, glatte Tafel ist, ganz unbeschrieben. Nur durch die Sinne kommt sie zu Kenntnissen. Auf anderem Wege erfährt sie auf natürliche Weise nichts. Demnach ist sie, solange sie im Leibe verbleibt, wie in einem dunklen Kerker und weiß nichts außer dem, was sie durch die Fenster dieses Kerkers wahrzunehmen vermag. Was sie von hier aus nicht erschaut, wird sie von nirgendher erschauen. Was also der Seele nicht durch die Sinne, als Fenster ihres Kerkers, mitgeteilt wird, das wird sie auf natürliche Weise durch kein anderes Mittel erfahren.
4. Wenn sie demnach das, was sie durch die Sinne zu erfahren vermag, von sich weist und verneint, so können wir wohl sagen, sie sei im Dunkeln und leer. Es scheint doch, nach dem Gesagten, dass natürlicherweise nur durch die erwähnten Fenster Licht in sie einfallen kann. Denn es ist auch wahr, dass sie nicht ablassen kann, zu hören, zu sehen, zu riechen, zu schmecken und zu fühlen, so berührt und hindert dies die Seele nicht mehr, sofern sie darauf verzichtet und es von sich weist, als sähe und hörte sie nicht u.s.w. Einer, der die Augen schließt, ist so im Dunkeln wie ein Blinder, der keine Sehkraft hat.



05.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DRITTES KAPITEL

Erste Ursache der Nacht: Dem Begehren wird jeder Gegenstand genommen.
1. Wir nennen es hier Nacht, wenn dem Begehren die Lust an den Dingen entzogen wird; denn wie die Nacht nichts anderes ist als der Entzug des Lichts und damit aller Dinge, die mittels des Lichtes gesehen werden können, so dass die Sehkraft im Dunkeln bleibt und ohne Gegenstand, so kann auch das Ertöten des Begehrens eine Nacht für die Seele genannt werden, da die Seele, die sich die Lust im Begehren nach den Dingen versagt, wie im Dunkeln bleibt und ohne Gegenstand. Gleich wie die Sehkraft sich mittels des Lichtes an den sichtbaren Gegenständen weidete und nach dem Schwinden des Lichtes nicht mehr sieht, so weidet und nährt sich die Seele mittels des Begehrens an allen Dingen, die sie mit ihren Fähigkeiten genießen kann. Ist das Begehren beruhigt oder, besser gesagt, ertötet, so weidet sich die Seele nicht mehr am Genusse der Dinge, sie bleibt dem Begehren nach im Dunkeln und leer.
2. Wenden wir dies auf alle Fähigkeiten an. Versagt sich die Seele das Begehren nach allem, was dem Gehörsinn schmeichelt, so bleibt sie dieser Fähigkeit nach im Dunkeln und leer. Versagt sie sich den Genuss köstlichen Duftes, der den Geruchsinn erfreuen könnte, so bleibt sie ebenso dieser Fähigkeit nach im Dunkeln und leer. Verweigert sie sich heftig ferner den Genuss aller Speisen, die ihrem Gaumen angenehm wären, so bleibt sie auch darin im Dunkeln und leer. Kasteit sich die Seele endlich in allem, was den Tastsinn erfreut und vergnügt, so bleibt sie in gleicher Weise dieser Fähigkeit nach im Dunkeln und leer. Hätte sich die Seele demnach durch Verzicht jeglichem Genuss entzogen und ihr Begehren ertötet, so können wir von ihr sagen, sie weile wie zur Nachtzeit im Dunkeln. Dies ist nichts anderes als ein inneres Leersein von allen Dingen.



04.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZWEITES KAPITEL

3. In der zweiten Nacht, so sagt er ihm, würde er zugelassen werden zur Gemeinschaft der heiligen Patriarchen als den Vätern des Glaubens. Kaum nämlich hat die Seele sich in der ersten Nacht alles Sinnenhaften entledigt, geht sie in die zweite Nacht ein, wo sie einzig im Glauben verharrt, der nicht in die Sinne fällt; doch nicht so, als wäre die Liebe ausgeschlossen; es versagt nur die Verstandeserkenntnis, wie wir noch ausführen werden.
4. Für die dritte Nacht verhieß der Engel ihm den Segen, das ist Gott. Mittels der zweiten Nacht, der des Glaubens, teilt er sich der Seele so heimlich und innig mit, dass es um sie wieder Nacht wird, und zwar während der Mitteilung dunkler denn je, worauf wir noch zurückkommen. Ist diese dritte Nacht überstanden, nämlich die Mitteilung Gottes an den Geist vollzogen, die für gewöhnlich in großer Finsternis vor sich geht, dann folgt sofort die Vereinigung mit der Braut, das ist mit der Weisheit Gottes. Wie auch der Engel dem Tobias sagte, nach dem Überstehen der dritten Nacht werde er sich seiner Braut in der Furcht des Herrn verbinden. Ist die Furcht Gottes vollkommen, dann ist es auch die Liebe, und so vollzieht sich aus Liebe die Umgestaltung der Seele in Gott.
5. Diese drei Teile der Nacht sind zusammen eine Nacht, die eben, gleich der Nacht, drei Teile hat. Der erste, hinsichtlich der Sinne, lässt sich dem Anbruch der Nacht vergleichen, wenn das Entschwinden der Dinge sich vollendet; der zweite, als Nacht des Glaubens, der ganz dunklen Mitternacht; der dritte, das ist Gott, der Dämmerung, die dem Tageslicht unmittelbar vorangeht. Um dies besser zu verstehen, wollen wir jede dieser Ursachen für sich und gesondert behandeln.



03.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZWEITES KAPITEL

Erklärung der Bezeichnung dunkle Nacht. Warum die Seele sie vor der Vereinigung durchleiden muss.
In einer dunklen Nacht
1. Dreifach lässt sich die Bezeichnung Nacht für diesen Übergang der Seele zur Vereinigung mit Gott begründen.
Erstens vom Ausgangspunkt der Seele her. Sie muss ja ihre Neigung von allen Dingen der Welt, die sie besaß, abwenden und sie verneinen. Dieses Verneinen und Entbehren ist wie Nacht für alle Sinne des Menschen.
Zweitens vom Mittel oder vom Weg her, den die Seele zu dieser Vereinigung gehen muss; dies ist der Glaube, der dem Verstande so dunkel ist wie die Nacht.
Drittens vom Ziele her, dem sie zustrebt, und dies ist Gott, der für die Seele in diesem Leben nicht mehr und nicht weniger ist als dunkle Nacht.
Diese drei Nächte müssen durch die Seele ziehen oder, besser gesagt, die Seele muss durch diese Nächte ziehen, um zur Vereinigung mit Gott zu gelangen.

2. Im Buche Tobias (6, 18-22) finden sich diese drei Weisen der Nacht im Sinnbild der drei Nächte, die der junge Tobias auf Befehl des Engels durchharren muss, ehe er sich seiner Braut vermählt.
In der ersten Nacht sollte er das Herz des Fisches verbrennen, nämlich das den Dingen der Welt zugeneigte und anhangende Herz. Ehe es sich hier aufmacht zu Gott, muss es mit dem Feuer der Gottesliebe alles Geschaffene ausblenden und sich läutern.
Diese Reinigung verjagt den Teufel, der Macht hat in der Seele, wenn sie an materiellen und vergänglichen Dingen hängt.




02.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ERSTES KAPITEL

3. Die erste Nacht betrifft die Anfänger, sobald Gott beginnt, sie in den Zustand der Beschauung zu versetzen, woran auch der Geist teilhat, wie wir dann ausführen werden. Die zweite Nacht oder Läuterung betrifft die Fortgeschrittenen, sobald Gott beginnen will, sie in den Stand der Gottvereinigung zu erheben. Diese Läuterung ist dunkler, finsterer, schrecklicher, wie nachher gesagt werden soll.
4. Erklärung der Strophe: Die Seele will also insgesamt in dieser Strophe sagen, sie sei, von Gott ergriffen, ausgegangen, einzig aus Liebe zu Ihm, entbrannt an Seiner Liebe in einer dunklen Nacht, nämlich beraubt und entledigt all ihrer sinnlichen Begierden nach den äußeren Dingen der Welt sowie nach dem, was ihren Leib ergötzt und dem Geschmack ihres Willens behagt. All dies geschieht in der Läuterung der Sinne. Darum sagt sie von ihrem Ausgehen: Und ließ mein Haus schon tief in Ruhe stehen – das Haus ist der sinnliche Teil -, sofern die Begierden in ihr ruhen und schlafen. Nicht eher wird sie den Peinen und Ängsten verborgener Begierden entrinnen, als bis diese beschwichtigt und eingeschläfert sind. Dies aber nennt sie ein glückliches Geschehen, denn sie entschlüpfte ungesehen, so zwar, dass kein Begehren ihres Fleisches oder sonst etwas sie behindern konnte. Sie entfloh ja des Nachts, nämlich als Gott sie all dessen beraubte, wodurch es Nacht um sie wurde.
5. Dies eben war das glückliche Geschehen, dass Gott sie in solche Nacht versetzte, aus der ihr so viel Gutes erwuchs. Sie hätte es nicht vermocht, in sie einzugehen, denn niemand vermag sich selber aller Begierden zu entledigen, um zu Gott zu gelangen.



01.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ERSTES KAPITEL
Die erste Strophe
des Liedes. - Geistlich Strebende haben, entsprechend ihren beiden Wesensteilen, dem niederen und dem höheren, zwei unterschiedliche Nächte zu durchleiden. Erklärung der Strophe.

In einer dunklen Nacht,
die Liebesglut
- o glückliches Geschehen –
zum Sehnsuchtsbrand entfacht,
entfloh ich ungesehen
und ließ mein Haus schon tief in Ruhe stehen.

1. In dieser ersten Strophe besingt die Seele das Glück, das ihr durch das Herausgehen aus allen äußeren Dingen, wie auch aus den Begierden und Unvollkommenheiten, die sich durch Unordnung der Vernunft in ihrem sinnlichen Teil regen, zufiel. Um dies zu verstehen, muss man wissen, dass eine Seele, um zum Stande der Vollkommenheit zu gelangen, für gewöhnlich zwei hauptsächliche Arten von Nacht zu durchleiden hat. Die Geisteslehrer nennen sie Läuterungen oder Reinigungen der Seele. Wir nennen Sie hier Nächte; denn die Seele wandelt in der einen wie in der anderen durch Dunkelheit, als wäre es Nacht.
2. Die erste Nacht oder Läuterung gilt dem sinnlichen Teil der Seele. Davon soll, im Anschluss an die erste Strophe, der erste Teil des Buches handeln. Die zweite betrifft den geistigen Teil und ist Gegenstand der zweiten Strophe, die wir im zweiten und dritten Teil der aktiven, im vierten der passiven Weise nach erklären wollen.