Tagesheiliger, Spruch des Tages





Tagesspruch Johannes vom Keuz 2019




28.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SIEBENTES KAPITEL

2. Das Begehren martert die Seele um so mehr, je heftiger es ist. Die Qual ist demnach so groß wie das Begehren; und je mehr Begierden sie beherrschen, um so mehr Qualen leidet sie; denn es erfüllt sich an dieser Seele schon in diesem Leben, was in der Offenbarung von Babylon geschrieben steht; Quantum glorificavit se, et in deliciis fuit, tantum date illi tormentum et luctum. – Soviel sie sich rühmte und schwelgte, soviel geht ihr Qual und Trauer (18,7). Gleich wie einer gequält und gepeinigt wird, der seinen Feinden in die Hände fallt, ebenso wird die Seele gequält und gepeinigt, sie sich von ihren Begierden treiben lässt. Dafür findet sich ein Bild im Buche der Richter (16,21), wo von jenem Riesen Samson zu lesen ist, der, zuvor stark und frei und Richter Israels, in die Macht seiner Feinde geriet, die ihn seiner Stärke beraubten, ihm die Augen ausstachen und ihn zum Drehen an eine Mühle banden, wobei sie ihn überaus quälten und bedrängten. Ebenso ergeht es der Seele, in der ihre Feinde, die Begierden, leben und herrschen. Vor allem schwächen und blenden sie die Seele, um sie dann – wie wir noch sagen werden - an die Mühle der Begierlichkeit gefesselt, zu bedrängen und zu quälen. Die Schlingen, die sie festhalten, sind ihre eigenen Begierden.



27.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SIEBENTES KAPITEL

Begierden quälen die Seele. Beweise durch Vergleiche und Stellen der Heiligen Schrift.
1. Das zweite Übel positiver Art, das die Begierden der Seele zufügen, besteht im Quälen und Betrüben so, als wäre einer zur Folter mit Stricken irgendwo festgebunden und fände keine Ruhe, ehe er sich befreit hat. David sagt deswegen: Funes peccatorum circumpli sunt me. – Die Stricke meiner Sünden – nämlich meine Begierden – umschlingen mich (Ps 118,61).
Gleich wie einer sich peinigt und quält, der sich nackt auf spitze Dornen legt, so peinigt und quält sich die Seele, die auf ihren Begierden lagert; denn sie verwunden, ritzen, dringen ein und hinterlassen Schmerz gleich wie Dornen. Auch davon spricht David: Circumdederunt me sicut apes, et exarserunt sicut ignis in spinis. – Sie umschwärmten mich wie Bienen, versehrten mich mit ihren Stacheln und entbrannten wider mich wie Feuer im Gedörn (Ps 117,12).; denn an den Begierden, dies sind die Dornen, nährt sich das Feuer der Angst und Qual.
So wie der Ackersmann den Ochsen am Pfluge antreibt und peinigt, begierig auf die erhoffte Ernte, so treibt die Lüsternheit eine dem Begehren unterjochte Seele, um das Ersehnte zu erlangen. Dies lässt sich gut am Begehren der Dalila erkennen, die durchaus wissen wollte, was es mit der Kraft Samsons auf sich habe. Die Heilige Schrift sagt, sie bedrängte und quälte ihn so sehr, dass er fast zu Tode kam: Deficit anima eius, et ad mortem usque lassate est. – Das ward sein Geist sterbensmatt (Richt 16,16).



26.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHSTES KAPITEL

7. Mit dem Begehren steht es in dieser Sicht sogar schlimmer; denn das Feuer erlischt, sobald das Holz verzehrt ist; das Begehren aber erlischt nicht, so wie es anwuchs, da es zur Tat trieb; ist das Material aufgezehrt, so erlischt das Begehren nicht gleich dem Feuer, das keinen Brennstoff mehr hat. Es verfällt in Müdigkeit, da der Hunger zu und die Nahrung abnimmt. Dies meint Isaias mit den Worten: Declinabit ad dexteram, et esuriet; et comedet ad sinistram, et non saturabitur. – Man wendet sich rechts und bleibt hungrig; man isst von links und wird nicht satt (9,20). Mit Recht leiden jene Hunger, die ihre Begierden nicht ertöten. Geht es mit ihnen zu Ende, dann sehen sie jene, die zur Rechten Gottes stehen, mit süßem Geiste gesättigt, ihnen aber wird er nicht gewährt. Und laufen sie nach links, um nämlich ihr Begehren an irgendeinem Geschöpf zu stillen, so werden sie mit Recht nicht satt. Sie haben ja verlassen, was einzig sättigen kann und weiden sich an Dingen, die den Hunger mehren. So ist es klar, dass die Begierden die Seele ermüden und erschöpfen.



25.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHSTES KAPITEL

6b. Die Seele ermüdet und erschöpft sich mit ihren Begierden, denn sie ist von ihnen befallen, aufgewühlt und gepeitscht wie das Wasser vom Sturm. Sie lärmen in ihr und gönnen ihr nirgendwo und in keinem Dinge Rast. Von einer solchen Seele sagt Isaias: Cor impii quasi mare fervens. Das Herz des Böse ist wie ein brandendes Meer (57,20). Böse ist, wer seiner Begierden nicht Herr wird.
Müde und erschöpft wird die Seele, die ihre Begierden stillen will. Sie ist ja wie ein Hungriger, der den Mund auftut, um sich mit Wind zu sättigen, aber nicht satt wird, sondern noch mehr ausgedörrt; denn dies ist keine Nahrung für ihn. Hierzu sagt Jeremias: In desiderio animae suae attraxit ventum amoris sui. – In ihres Willens Gier schnappt sie nach Luft für ihr Lieben (2,24). Gleich darauf deutet er die Trockenheit an, in die eine solche Seele gerät und warnt sie: Prohibe pedem tuum a nuditate, et guttur tuum a siti. – Hüte deinen Fuß – nämlich deine Überlegung – vor Blöße und deine Kehle vor Durst (2,25); dies bedeutet: Dein Streben nach Befriedigung der Begierden vermehrt die Trockenheit. Wie ein Verliebter sich abmüht und erschöpft am Tage, da er hofft und sein Wurf ins Leere fällt, so ermüdet und erschöpft sich die Seele mit all ihren Wünschen und deren Erfüllung; denn sie alle machen sie hohler und hungriger. Man sagt oft, das Begehren ist wie ein Feuer: Legt man Holz zu, so lodert die Flamme auf; ist es verzehrt, so muss sie wohl zusammensinken.



24.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHSTES KAPITEL

6a. Was die Erste anlangt, so ist es klar, dass die Begierden die Seele ermüden und erschöpfen. Sie sind ja gleich unruhigen, unzufriedenen Kleinkindern, die ihre Mutter dauernd um dies oder jenes anbetteln und - sich nie zufrieden geben So wie ein habgieriger Schatzgräber sich abmüht und erschöpft, so bemüht und erschöpft sich die Seele, um alles zu erlangen, was ihre Begierden von ihr fordern. Und erlangt sie es endlich, so plagt sie sich weiter; denn sie hat nie genug. Sie gräbt ja im Grunde undichte Zisternen, die das Wasser nicht halten können, den Durst zu stillen, gleich wie Isaias sagt: Lassus adhuc sitit, et anima eius vacua est. – Noch dürstet der Müde, und seine Seele ist unerfüllt, und die begierige Seele ermüdet und erschöpft sich gleich einem Fieber- kranken, dem nicht wohl ist, ehe das Fieber ihn verlässt; denn sein Durst wächst unablässig. Darum heißt es im Buche Job: Cum satiatus fuerit, arctabitur, aestuabit, et omnis dolor irruet super eum. – Nach Stillung seines Begehrens ward er noch mehr bedrängt und belastet: In seiner Seele wuchs die Glut des Triebes und der ganze Schmerz überfiel ihn (20,22).



23.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHSTES KAPITEL

4. Aus dem Gesagten ist zu ersehen, um wieviel mehr Gott tut, wenn Er eine Seele reinigt und von solchen Hindernissen befreit, als wenn Er sie aus dem Nichts erschafft, denn diese Hindernisse entgegengesetzter Neigungen und Begierden widerstehen Gott viel feindlicher als das Nichts, das Ihm ja nicht widersteht.
Dies genügt zur Darlegung des ersten Hauptschadens, den die Begierden der Seele zufügen durch Widerstand gegen den Geist Gottes. Wir haben ja zuvor schon viel darüber gesagt.
5. Nun sprechen wir von der zweiten Wirkung, die sie in ihr hervor-bringen. Sie hat mancherlei Weisen, denn die Begierden ermüden, quälen, verdunkeln, beflecken und schwächen die Seele. Jede dieser fünf Wirkungen wollen wir für sich besprechen.



22.01.2018

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHSTES KAPITEL

3. Sämtliche Geschöpfe sind Krumen, die vom Tische Gottes fallen. Darum wird jener mit Recht Hund genannt, der hingeht, sich an den Geschöpfen zu weiden. Solchen aber wird das Brot der Kinder genommen; sie wollen sich ja nicht von den Abfällen zum Tisch des unerschaffenen Geistes ihres Vaters erheben. Und eben deshalb leiden sie, gerechterweise, den Hunden gleich, immer Hunger. Abfälle reizen ja mehr den Appetit, als dass sie den Hunger stillen. Von solchen sagt David: Fanem patientur ut canes, et circuibunt civitatem. Si vero non fuerint saturati, et murmurabunt. – Sie werden Hunger leiden wie Hunde und die Stadt durchstreifen. Werden sie nicht satt, so knurren sie (Ps 58,15-16).
Dies ist die Art eines triebhaften Menschen: Immer unzufrieden und mürrisch zu sein wie ein Hungriger. Was aber ist der Hunger, den alle Geschöpfe nicht stillen können, der Sättigung gegenüber, die Gottes Geist bewirkt? Diese unerschaffene Sättigung aber kann in die Seele nicht eindringen, ehe nicht der erschaffene Hunger des Begehrens aus ihr vertrieben ist; denn, wie wir schon sagten, zwei Gegensätze können nicht in einem Subjekt verbleiben; in diesem Falle wären es Hunger und Sättigung.


21.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHTES KAPITEL

2. Auch bei natürlichem Schaffen kann keine Form eingeprägt werden, ehe dem Material die gegensätzliche Form, die es zuvor hatte, genommen wurde, die ja wegen des Widerstreites der beiden gegeneinander hinderlich ist. Ebenso wenig kann in eine Seele, deren Geist den Sinnen untertan ist, ein Geist von lauterer Geistigkeit eingehen. Darum sagt unser Heiland durch den Hl. Matthäus: Non est bonum summere panem filiorum et mittere canibus. – Es geziemt sich nicht, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hunden hinzuwerfen (15,26). Und an anderer Stelle sagt er durch den gleichen Evangelisten: Nolite sanctum dare canibus. – Gebet das Heilige nicht den Hunden preis! (7,6). An diesen beiden Stellen vergleicht unser Herr jene, die sich durch Verneinung der geschöpflichen Gelüstete dem Empfange des Geistes Gottes rein bereiten, mit Kindern Gottes; jene aber, die ihre Gier an Geschöpfen stillen wollen, mit Hunden; denn die Kinder dürfen an des Vaters Tisch und von seiner Schüssel essen, nämlich ihren Geist weiden, für die Hunde sind die Abfälle vom Tische.



20.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
SECHTES KAPITEL

Von den wichtigsten, durch die Begierden in der Seele verursachten Schäden; was sie ihr entziehen und was sie ihr zufügen.
1. Zum besseren und umfassenderen Verständnis des Gesagten wäre es gut, hier die zwei wichtigsten Schäden darzulegen, die in der Seele durch die Begierden verursacht werden. Der eine: Sie entziehen der Seele den Geist Gottes; der andere: Sie ermüden, quälen, verdunkeln, beflecken und schwächen die Seele. Jeremias sagt davon: Duo mala fecit populus meus: deliquerunt fontem aquae vivae, et foderunt sibi cicsternas dissipatas, quae continere non valent aquas. – Zwei Übel hat mein Volk sich angetan: Sie haben den Quell lebendigen Wassers verlassen und sich undichte Zisternen gegraben, die das Wasser nicht zu halten vermögen (Jer 2,13). Diese beiden Übel, nämlich das negative Entziehen und das positive Zufügen werden durch eine ungeordnete Regung des Begehrens verursacht.
Wir befassen uns zunächst mit dem Entzuge: Die Sache ist klar. So wie die Seele sich an etwas hängt, das als Geschöpf zu bezeichnen ist, hat sie, je mehr Raum die Begierde in ihr einnimmt, um so weniger Fassungskraft für Gott; denn zwei Gegensätze vertragen sich – wie die Philosophen sagen und wir schon im vierten Kapitel erwähnten – nicht in einem Subjekt. Neigung zu Gott und Neigung zu den Geschöpfen sind Gegensätze, folglich finden in einem Willen Neigung zu den Geschöpfen und Neigung zu Gott nicht Raum. Denn was hat das Geschöpf mit dem Schöpfer gemein, was das Sinnenhafte mit dem Geistigen, das sichtbare mit dem Unsichtbaren, das Zeitliche mit dem Ewigen, rein geistige Himmelsnahrung mit bloß sinnlicher Speise, die Blöße Christi mit dem Hängen an einem Ding?


19.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFTES KAPITEL

8. Gott lässt nicht zu, dass etwas anderes mit ihm zugleich verbleibe. Darum steht im ersten Buch der Könige zu lesen: Als die Philister die Bundeslade in den Tempel ihres Götzen gebracht hatten, fand man diesen jeden Morgen zu Boden geworfen und in Stücke zerbrochen
(1 Sm 5,2-4). Nur ein Begehren duldet Er und wünscht Er dort zu finden, wo Er ist: Das Begehren, Gottes Gesetz vollkommen zu halten und das Kreuz auf sich zu nehmen. Darum vermeldet die Heilige Schrift nichts davon, dass Gott in die Bundeslade zum Manna noch etwas anderes hätte legen lassen, als nur das Gesetzbuch und den Stab des Moses
(Dt 31,26; Num 17,10; Hebr 9,4), der das Kreuz bedeutet. Eine Seele, die nichts anderes erstrebte, als das Gesetz des Herrn vollkommen zu erfüllen und das Kreuz Christi zu tragen, wäre eine wahre Bundeslade und enthielte das wahre Manna, nämlich Gott, wenn sie dahin käme, einzig dieses Gesetz und diesen Stab vollkommen in sich zu bewahren und sonst durchaus nichts.



18.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFTES KAPITEL

7. Diese drei Dinge geben zu verstehen: Jede Seele, die diesen Berg ersteigen will, um sich oben selber zum Altar zu machen, auf dem sie Gott ein Opfer reiner Liebe und Ehrfurcht und reinen Lobes darbringt, hat vor dem Aufstieg zum Gipfel des Berges eben die drei angeführten Dinge genau zu vollziehen: Erstens alle fremden Götter zu entfernen, nämlich die sonderbaren Neigungen und Anhänglichkeiten; zweitens, sich durch die erwähnte dunkle Nacht der Sinne zu reinigen im Nachgeschmack der Begierden durch deren beständiges Verleugnen und Bereuen; drittens, um zu diesem hohen Gipfel zu gelangen, muss sie das Gewand wechseln. Gott wird ihr mittels der beiden ersten Bedingungen das alte in ein neues wandeln, Er wird in die Seele ein neues Verstehen Gottes in Gott senken, wenn das alte, menschliche Verstehen gelassen ist; und ein neues Lieben Gottes in Gott, wenn der Wille all seiner alten, menschlichen Wünsche und Gelüstete entblößt ist; und Er wird der Seele ein neues Erkennen und abgrundtiefe Wonne mitteilen, wenn alle anderen alten Erkenntnisse und Vorstellungen beseitigt sind; Er wird alles dem alten Menschen eigene, nämlich die natürliche Tüchtigkeit, ausschalten, und die Seele mit neuen, übernatürlichen Fähigkeiten und in all ihren Kräften bekleiden. So wandelt sich ihre menschliche Wirkweise in eine göttliche. Dies erreicht sie durch den Stand der Vereinigung, in dem die Seele nur noch als Altar dient, auf dem Gott angebetet wird in Lob und Liebe, und Gott allein in ihr weilt. Darum ordnete Gott an, dass der Altar, auf dem die Bundeslade stehen sollte, innen hohl sei (Ex 27,8). Die Seele möge daraus schließen, wie leer von allen Dingen Gott sie haben wolle, damit sie der Göttlichen Majestät ein würdiger Altar sei. Auf diesem Altar durfte einerseits kein fremdes Feuer brennen, andererseits das eigene nie verlöschen. So zwar, dass unser Herr, erzürnt ob der beiden Söhne des Hohenpriester Aaron, Nadab und Abiud, die fremdes Feuer auf Gottes Altar brachten, sie allhier vor dem Altar tötete (Lev 10,1). Dies gibt uns zu verstehen, dass auf einem würdigen Altar nie das Feuer der
Gottesliebe mangeln, noch auch eine fremde Liebe sich einmengen darf.



17.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFTES KAPITEL

6. So darf man es auch deuten, dass Gott dem Moses befahl, den Berg zu besteigen, um mit ihm zu reden. Er gebot ihm nicht nur, allein aufzusteigen und die Söhne Israels unten zu lassen, sondern es durfte nicht einmal das Vieh im Umkreis des Berges weiden: Nellus ascendat tecum, nec videat quispiam per totum montem, boves quoque et oves non pascant e contra (Ex 34,3).
Dies gibt zu verstehen, dass die Seele, um zum Berg der Vollkommen- heit aufsteigen und mit Gott verkehren zu können, nicht nur auf alle Dinge verzichten und sie unten lassen muss, sondern auch die Begierden, das sind die Tiere, dürfen nicht im Umkreis des Berges weiden, nämlich nichts genießen, was nicht rein Gott ist, in dem jedes Begehren vergeht. Dies ist der Stand der Vollkommenheit.
Darum ist Weg und Aufstieg zu Gott notwendig, die dauernde Sorge um das Schwinden und Ersterben der Begierden. Die Seele kommt um so früher ans Ziel, je mehr sie sich damit beeilt. Doch eher die Begierden vergehen, erreicht sie das Ziel nicht, mag sie noch so viele Tugenden üben. Sie vermag diese ja nicht zur Vollendung zu bringen, die eben darin besteht, die Seele leer und bloß und aller Begierden ledig zu halten. Davon gibt uns das Buch Genesis ein sehr lebendiges Bild. Da steht zu lesen, dass der Patriarch Jakob, als er den Berg Bethel besteigen wollte, um dort Gott einen Altar zu erbauen und Opfer darzubringen, seinem Volk drei Dinge gebot: Erstens, alle fremden Götter auszurotten; zweitens, sich zu reinigen; drittens, die Kleidung zu wechseln: Abcite deos alienos qui in medio vestri sunt, et mundamini ac mutate vestimenta (Gen 35,2).



16.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFTES KAPITEL

4. O wüssten die Geistesmenschen, welches Gut und welche Fülle des Geistes ihnen entgeht, weil sie das Verlangen nach Kindereien nicht aufgegeben wollen! Wie würden Sie in dieser einfachen geistigen Speise den Wohlgeschmack sämtlicher Dinge finden, sobald sie ihn nicht mehr zu verkosten begehrten! Doch sie verspüren ihn nicht. Jene wurden des Wohlgeschmackes aller Speisen, den das Manna enthielt, nicht inne, weil sie ihr Begehren nicht allein auf dieses richteten. Sie vermissten also den erwünschten Wohlgeschmack und Nährgehalt im Manna nicht, weil er diesem mangelte, sondern weil es sie nach anderem gelüstete.
Ebenso schätzt einer Gott gering, der zugleich mit Gott etwas anderes lieben will; denn er legt ja mit Gott zugleich, wie gesagt, etwas von Gott äußerst Entferntes auf dieselbe Waage.
5. Man weiß es gut aus Erfahrung: Neigt der Wille sich einer Sache zu, so schätzt er sie höher als eine andere, mag diese auch besser sein, doch nicht nach seinem Geschmack; und will er beide verkosten, so tut er der höheren notwendig Schmach an; denn er stellt ja die beiden einander gleich. Da nun kein Ding Gott gleichkommt, so fügt die Seele Gott schwere Unbill zu, wenn sie mit ihm zugleich etwas anderes liebt und sich daran hängt. Und ist dem so, was wäre erst, wenn sie es mehr liebte als Gott?



15.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFTES KAPITEL

3. Im Buche Exodus (Kap.,16) findet sich dafür ein Bild; da steht zu lesen, dass Gott den Söhnen Israels das Brot vom Himmel, nämlich das Manna, nicht gab, ehe sie das aus Ägypten mitgeführte Mehl aufgezehrt hatten. Das besagt, es gezieme sich, vorerst auf alles zu verzichten; denn Engelspeise ist nicht für Gaumen, die an Menschenkost Geschmack finden. Und die Seele, die bei gottfremden Genüssen verweilt und sich an ihnen weidet, macht sich nicht nur unfähig, den Göttlichen Geist zu erfassen, sie erzürnt sogar die Göttliche Majestät gar sehr, da sie Geistesnahrung beansprucht, sich aber nicht mit Gott allein zufrieden gibt, sondern auch Trieb und Neigung zu anderen Dingen mitspielen lässt. Dies ist aus dem gleichen Buche der Heiligen Schrift ersichtlich (V. 8-13), in dem auch erzählt wird, dass die Israeliten, unzufrieden mit jener so einfachen Speise, verlangten und erbaten, Fleisch zu essen. Darob wurde der Herr ernstlich böse, weil sie ein so gemeines und grobes Gericht der so erhabenen und einfachen Speise beimengen wollten, die, wenn auch einfach, doch Wohlgeschmack und Nährgehalt aller Speisen in sich enthielt. Darum kam, als sie den Bissen noch im Mund hatten, wie David sagt, der Zorn Gottes auf sie herab – Ira Dei descendit super eos (Ps 77, 31); Er warf Feuer vom Himmel, das viele Tausende von Ihnen verzehrte, denn Er hielt ihre Gier nach anderer Speise für unwürdig, da Er ihnen Himmelsbrot gegeben hatte.



14.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
FÜNFTES KAPITEL

Weiterführung des gesagten, Beweise aus der Heiligen Schrift für die Notwendigkeit seelischen Durchleidens der dunklen Nacht des Ersterbens jeglicher Begierde nach irgendeinem Ding
1. Aus dem Gesagten ist einigermaßen die Entfernung zwischen allem Geschaffenen, so wie es in sich ist, und Gott, so wie Er in sich ist, zu ersehen, und wie die Seelen, die sich einem Geschöpfe zuneigen, in dieselbe Entfernung zu Gott geraten; denn, wie gesagt, Liebe gleicht an und verähnlicht. Der hl. Augustinus hat diese Entfernung gut erschaut und sagt zu Gott in seinen Soliquia: Ich Unseliger! Wann darf sich meine Unzulänglichkeit und Unvoll- kommenheit heranwagen an deine Gerechtigkeit? Du bist wahrhaft gut, ich bin böse; du gütig und ich ungut; du heilig und ich elend; du gerecht, ich ungerecht; du leuchtend, ich blind; du Leben, ich Tod; du heilend, ich siech; du reinste Wahrheit, ich lauter Eitelkeit. Soweit der Heilige.
2. Sehr unwissend ist also die Seele, wenn sie meint, in den erhabenen Stand der Vereinigung mit Gott eingehen zu können, ohne sich zuvor ihres gesamten hinderlichen Begehrens nach Natürlichem und Übernatürlichem entledigt zu haben, wie wir noch erklären werden; denn es besteht eine äußerste Entfernung zwischen diesen Dingen und dem, was dieser Stand gewährt, nämlich der lauteren Umgestaltung in Gott. Darum sagt unser Herr, da Er uns diesen Weg lehrt, durch den hl. Lukas: Qui non renuntiat omnibus quae possidet, non potest meus esse discipulus. – Wer nicht allem entsagt, was er besitzt, kann mein Jünger nicht sein (14,33). Dies ist klar. Der Sohn Gottes kam, um die Gering- schätzung aller wertlosen Dinge zu lehren, damit man den Wert des Gottesgeistes in sich aufnehmen könne. Solange die Seele sich nicht von allem los macht, mangelt ihr die Fähigkeit, den Geist Gottes in reiner Umgestaltung aufzunehmen.



13.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERTES KAPITEL

8. Die göttliche Weisheit hat Mitleid mit solchen, die sich hässlich, gemein, elend und arm machen, weil sie an der Welt lieben, was ihnen schön und reich erscheint, und ruft in den Sprichwörtern aus: O viri, ad vos clamito, et vox mea ad filios hominum. Intellegite, parvuli, astutiam, et insipientes, animadvertite. Audite quia de rebus magnis locutura sum. Und weiterhin: Mecum sunt divitiae et gloria, opes superbae et iustitia. Melior est fructus meus auro et lapide pretioso, et genimina mea argento electo. In viis iustitiae ambulo, in medio semitarum iudicii, ut ditem diligentes me, et thesauros eorum repleam. – O Männer, euch ruf‘ ich zu, und meine Stimme tönt den Menschenkindern! Werdet klug, ihr Kleinen, ihr Einfältigen, habet acht! Horchet auf, denn ich will von großen Dingen reden… Bei mir sind Reichtum und Ruhm, kostbare Schätze und Gerechtigkeit. Besser ist meine Frucht als Gold und Edelgestein, und was ich zeuge - nämlich: Was ich in euren Seelen hervorbringe – ist erlesen wie Silber. Ich wandle die Wege der Gerechtigkeit, mitten auf den Pfaden der Urteilskraft, um zu bereichern, die mich lieben und ihre Schatzkammern zu füllen (Spr 8,4-6;18-21). Diese Worte richtet die Göttliche Weisheit an all jene, die ihres Herzens Neigung an irgendein Ding der Welt hängen (auf die beschriebene Weise). Sie nennt solche klein, denn sie verähneln sich dem Gegenstand ihrer Liebe, und der ist klein. Darum rät sie ihnen, klug zu sein und zu beachten, dass sie von großen Dingen rede und nicht von kleinen gleich ihnen. Der große Reichtum und Ruhm, den sie lieben, ist bei ihr und in ihr und nicht dort, wo sie meinen; erhabene Schätze und Gerechtigkeit wohnen in ihr. Erscheinen den Menschen auch die Dinge der Welt als kostbar, so mögen sie doch innewerden, dass die Göttliche Weisheit viel Besseres birgt. Ihre Früchte gehen über Gold und Edelgestein. Und was sie in den Seelen hervorbringt, ist besser als erlesenes Silber, das sie so sehr lieben, womit jede Art der Zuneigung gemeint ist, die sie in diesem Leben hegen können.



12.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERTES KAPITEL

6. Darum wird eine Seele, die hohe Würden und Ämter und Freiheit für Ihre Begehren liebt, von Gott nicht wie ein freies Kind angesehen, sondern wie ein gemeiner Sklave und Häftling; denn sie hat nicht Seine heilige Lehre annehmen wollen, die besagt, wer der Größte sein will, sei der Geringste, und wer der Geringste sein will, sei der Größte (Lk 22,26). So kann die Seele nicht zur Freiheit des Geistes gelangen, die mit der Gottvereinigung gegeben ist; denn Knechtschaft und Freiheit sind durchaus unvereinbar. Freiheit kann nicht in einem Liebhabereien unterworfenen Herzen wohnen, denn dies ist ein Sklavenherz, sondern nur in einem freien Herzen, dies ist ein Kinderherz. Darum sagt Sarah ihrem Gatten Abraham, er möge die Magd mit dem Sohne fortjagen; der Sohn der Sklavin dürfe nicht Erbe sein mit dem Sohn der Freien (Gn 21,10).
7. f) Und alle Wonnen und Genüsse an sämtlichen Dingen der Welt, mit dem Willen verkostet, sind im Vergleich zum Genusse Gottes die ärgste Pein und Qual und Bitterkeit. Darum ist auch einer, der sein Herz daran hängt, vor Gott der ärgsten Pein und Qual und Bitterkeit würdig. Wer aber der Pein und Bitterkeit würdig ist, kann zur wonnevollen Umarmung der Gottvereinigung nicht gelangen.
g) Aller Reichtum und Glanz der gesamten Schöpfung ist, mit Gottes Reichtum verglichen, nichts als Armut und tiefstes Elend. Darum ist die Seele, die solches besitzt, ganz arm und elend vor Gott, und so kann sie nicht zum herrlichen Reichtum des Standes der Umgestaltung in Gott gelangen. Dieser Elendste und Ärmste ist ja äußerst ferne vom Reichsten und Herrlichsten.



11.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERTES KAPITEL

5. Darum ist jede Seele, die auf ihre Weisheit und Tüchtigkeit zählt, um zur Vereinigung mit Gottes Weisheit zu gelangen, äußerst töricht vor Gott und weit von ihr entfernt. Die Torheit weiß ja gar nicht, was Weisheit ist; und der hl. Paulus sagt, solche Weisheit sei Torheit vor Gott. Vor Gott sind nämlich jene, die etwas zu wissen meinen, sehr unwissend. Von ihnen schreibt der Apostel an die Römer: Dicentes enim se esse sapientes, stulti facti sunt. – Da sie sich für Weise hielten, wurden sie zu Toren (1,22). Nur jene werden die Weisheit Gottes umfangen, die ihr Wissen dahingehend und gleich unwissenden Kindern in Liebe dienen. Diese Art von Weisheit lehrt auch der hl. Paulus die Korinther:
Si quis videtur inter vos sapiens esse in hoc saeculo, stultus fiat ut sit sapiens. Sapienta enim huius mundi stultitia est apud Deum. – Scheint einer unter euch weise zu sein, mache er sich zum Toren, um weise zu werden; denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott (I,3,18-19). Will also eine Seele sich mit der Weisheit Gottes vereinigen, so wandle sie eher im Nichtwissen als im Wissen.
e) Und alle Herrschaft und Freiheit der Welt ist im Vergleich zur Freiheit und Herrschaft des Gottesgeistes tiefste Knechtschaft und Enge und Kerker.



10.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERTES KAPITEL

4. Das gesamte Sein der Geschöpfe ist demnach, mit Gottes unendlichem Sein verglichen, so gut wie nichts. Darum aber ist eine Seele, die an ihnen hängt, vor Gott ebenso nichts und weniger als nichts; denn, wie gesagt, die Liebe schafft Gleichheit und Ähnlichkeit und erniedrigt sogar unter das, wo man liebt. Darum vermag sich eine Seele dieser Art in keiner Weise dem menschlichen Sein Gottes zu vereinigen; denn was nicht ist, passt nicht zu dem, der ist. Wir bringen einige Beispiele:
a) Alle Schönheit der Geschöpfe ist im Vergleich mit der unendlichen Schönheit Gottes überaus hässlich, wie Solomon in seinen Sprüchen sagt: Fallax gratia, et vana est pulchritudo. – Anmut täuscht, und flüchtig ist Schönheit (31,30). Darum ist eine Seele, die an der Schönheit eines Geschöpfes hängt, vor Gott überaus hässlich. Eine hässliche Seele aber kann nicht in die Schönheit Gottes umgestaltet werden; denn die Missgestalt erschwingt sich nicht zur Schönheit.
b) Und alle Huld und Anmut der Geschöpfe ist im Vergleich mit Gottes Huld höchst widerlich und abstoßend. Darum ist die Seele, die sich verliebt in Huld und Anmut der Geschöpfe ganz reizlos und abstoßend in Gottes Augen; denn so ist sie der unendlichen Huld Gottes und Seiner Lieblichkeit nicht fähig, weil das Unholde weit entfernt ist vom Huldvollen.
c) Und alles Gutsein der Geschöpfe dieser Welt kann, mit dem Gutsein Gottes verglichen, Bosheit genannt werden; denn niemand ist gut außer Gott (Lk 18,19). Darum ist die Seele, die ihr Herz an das Gute dieser Welt hängt, äußerst böse vor Gott. Da nun Bosheit nicht Raum hat für Güte, vermag eine solche Seele sich Gott nicht zu vereinigen, der die höchste Güte ist.
d) Und alle Weisheit der Welt samt menschlicher Tüchtigkeit ist verglichen mit der unendlichen Weisheit Gottes abgründige Unwissenheit, wie es der hl. Paulus auch an die Korinther schreibt mit den Worten: Sapientia huius mundi stultitia est apud Deum. – Die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott (I,3,19).



09.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERTES KAPITEL

3. Um das Gesagte besser zu erweisen, geben wir zu wissen, dass Zuneigung zu einem Geschöpfe und das Hängen an ihm die Seele ihm angleicht, und je größer die Zuneigung, um so mehr gleicht sie an und verähnelt sie, die Liebe schafft ja Ähnlichkeit zwischen dem Liebenden und dem Geliebten. Darum sagt David von jenen, die ihre Neigung Götzenbildern zuwenden: Similes illis fiant qui faciunt ea et omnes qui confidunt in eis - Ihnen möge gleich werden, die sie machen und die ihnen vertrauen (Ps 113,8). Wer also ein Geschöpf liebt, bleibt so niedrig wie dieses Geschöpf und gewissermaßen noch niedriger; denn die Liebe gleicht nicht nur an, sondern unterwirft sogar den Liebenden dem Geliebten. Demnach macht sich die Seele durch die Tatsache selbst, dass sie etwas liebt, unfähig zu reiner Vereinigung mit Gott und zur Umgestaltung in ihn; denn die Niedrigkeit des Geschöpfen vermag die Erhabenheit des Schöpfers noch viel weniger zu fassen, als Finsternis das Licht. Alle Dinge der Erde und des Himmels sind ja, mit Gott verglichen, nichts, was Jeremias mit diesen Worten sagt: Aspexi terram, et ecce vacua erat et nihil; et caelos, et non erat lux in eis. – Ich schaute zur Erde: Nur Leere, sonst nichts; zum Himmel und sah kein Licht (4,23). Mit dem Worte, er sah die Erde leer, gibt er die Nichtigkeit aller irdischen Geschöpfe und die Nichtigkeit der Erde selbst zu verstehen. Mit dem Worte aber, dass er die Himmel schaute und kein Licht in ihnen, sagt er, alle Himmelsleuchten seien, mit Gott verglichen, lauter Finsternis. Demnach sind in dieser Sicht alle Geschöpfe nichts, und das Hängen an ihnen können wir weniger als nichts nennen, da es die Umgestaltung in Gott behindert und vereitelt. So ist auch die Finsternis nichts und weniger als nichts, denn sie ist Entzug des Lichtes. Wie also einer, in dem es finster ist, das Licht nicht erfasst, so kann eine Seele, die an Geschöpfen hängt, Gott nicht erfassen. Ehe sie dessen ledig ist, kann sie ihn weder diesseits durch reine Liebesumgestaltung noch jenseits durch klare Schau besitzen. Der größeren Deutlichkeit wegen wollen wir mehr ins Einzelne gehen.



08.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
VIERTES KAPITEL

Es ist der Seele wahrhaft vonnöten, durch Abtöten des Begehrens in diese dunkle Nacht der Sinne einzugehen, um durch sie hindurch zur Vereinigung mit Gott zu gelangen.
1. Das Durchleiden dieser dunklen Nacht der Abtötung des Begehrens und das Abweisen des Genießens aller Dinge sind der Seele notwendig, weil jedes Hängen an Geschöpfen vor Gott lauter Finsternis ist, und eine damit bedeckte Seele ist unfähig, vom reinen und einfachen Lichte Gottes durchstrahlt und ergriffen zu werden, ehe sie dies nicht abgelegt hat. Denn Licht und Finsternis gehen nicht zusammen. Der hl. Johannes sagt: Tenebrae eam non comprehenderunt – Die Finsternis kann das Licht nicht aufnehmen (1,5).
2. Dies hat, wie die Philosophie lehrt, seine Ursache in der Unmöglichkeit, zwei Gegensätze in einem Subjekt zu vereinigen. Die Finsternis, nämlich das Hängen an den Geschöpfen, und das Licht, das ist Gott, stehen einander entgegen und haben keine Ähnlichkeit oder Gemeinschaft miteinander, wie der hl. Paulus es im Korintherbrief (II, 6,14) lehrt: Quae convetio lucis ad tenebras? – Was haben Licht und Finsternis gemein? Darum kann das Licht der Gottvereinigung die Seele nicht einnehmen, ehe die Anhänglichkeiten aus ihr verscheucht sind.



07.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DRITTES KAPITEL

4. In diesem Sinne sagt David: Pauper sum ego et in laboribus a inventute mea. – Arm bin ich in und in Mühsal von Jugend auf (Psalm 87, 16). Er nennt sich arm – obwohl er offenbar reich war-;
Denn sein Wille hing nicht am Reichtum, und so war er wirklich so gut wie arm. Wäre er hingegen tatsächlich arm gewesen, doch nicht dem Willen nach, so wäre er nicht wahrhaft arm; denn der Begierde nach wäre seine Seele reich und voll. Darum bezeichnen wir diese Entblößung als Nacht für die Seele. Wir handeln hier ja nicht vom Entbehren der Dinge – denn dies entblößt die Seele nicht, so lange sie nach ihnen verlangt - sondern von der Entblößung von der Lust und dem Verlangen danach; dies ist es, was die Seele frei und leer macht, auch wenn sie etwas besitzt. Nicht die Dinge dieser Welt bemächtigen sich der Seele und schädigen sie, da sie ja nicht in sie eindringen, sondern der Wille, der nach ihnen verlangt und in der Seele wohnt.
5. Diese erste Weise der Nacht umfängt, wie wir später zeigen werden, die Seele in ihrem sinnlichen Teile nach. Sie ist eine von den beiden, die, wie oben gesagt, die Seele zu durchleiden hat, um zur Vereinigung mit Gott zu gelangen.
Nun wollen wir sagen, wie sehr es der Seele frommt, in dieser dunklen Nacht der Sinne aus ihrem Hause auszugehen, um sich auf den Weg zu machen, der zur Vereinigung mit Gott führt.



06.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DRITTES KAPITEL

3. Dies hat seinen Grund darin, dass die Seele – wie die Philosophen sagen – sobald Gott sie dem Körper einhaucht, wie eine leere, glatte Tafel ist, ganz unbeschrieben. Nur durch die Sinne kommt sie zu Kenntnissen. Auf anderem Wege erfährt sie auf natürliche Weise nichts. Demnach ist sie, solange sie im Leibe verbleibt, wie in einem dunklen Kerker und weiß nichts außer dem, was sie durch die Fenster dieses Kerkers wahrzunehmen vermag. Was sie von hier aus nicht erschaut, wird sie von nirgendher erschauen. Was also der Seele nicht durch die Sinne, als Fenster ihres Kerkers, mitgeteilt wird, das wird sie auf natürliche Weise durch kein anderes Mittel erfahren.
4. Wenn sie demnach das, was sie durch die Sinne zu erfahren vermag, von sich weist und verneint, so können wir wohl sagen, sie sei im Dunkeln und leer. Es scheint doch, nach dem Gesagten, dass natürlicherweise nur durch die erwähnten Fenster Licht in sie einfallen kann. Denn es ist auch wahr, dass sie nicht ablassen kann, zu hören, zu sehen, zu riechen, zu schmecken und zu fühlen, so berührt und hindert dies die Seele nicht mehr, sofern sie darauf verzichtet und es von sich weist, als sähe und hörte sie nicht u.s.w. Einer, der die Augen schließt, ist so im Dunkeln wie ein Blinder, der keine Sehkraft hat.



05.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
DRITTES KAPITEL

Erste Ursache der Nacht: Dem Begehren wird jeder Gegenstand genommen.
1. Wir nennen es hier Nacht, wenn dem Begehren die Lust an den Dingen entzogen wird; denn wie die Nacht nichts anderes ist als der Entzug des Lichts und damit aller Dinge, die mittels des Lichtes gesehen werden können, so dass die Sehkraft im Dunkeln bleibt und ohne Gegenstand, so kann auch das Ertöten des Begehrens eine Nacht für die Seele genannt werden, da die Seele, die sich die Lust im Begehren nach den Dingen versagt, wie im Dunkeln bleibt und ohne Gegenstand. Gleich wie die Sehkraft sich mittels des Lichtes an den sichtbaren Gegenständen weidete und nach dem Schwinden des Lichtes nicht mehr sieht, so weidet und nährt sich die Seele mittels des Begehrens an allen Dingen, die sie mit ihren Fähigkeiten genießen kann. Ist das Begehren beruhigt oder, besser gesagt, ertötet, so weidet sich die Seele nicht mehr am Genusse der Dinge, sie bleibt dem Begehren nach im Dunkeln und leer.
2. Wenden wir dies auf alle Fähigkeiten an. Versagt sich die Seele das Begehren nach allem, was dem Gehörsinn schmeichelt, so bleibt sie dieser Fähigkeit nach im Dunkeln und leer. Versagt sie sich den Genuss köstlichen Duftes, der den Geruchsinn erfreuen könnte, so bleibt sie ebenso dieser Fähigkeit nach im Dunkeln und leer. Verweigert sie sich heftig ferner den Genuss aller Speisen, die ihrem Gaumen angenehm wären, so bleibt sie auch darin im Dunkeln und leer. Kasteit sich die Seele endlich in allem, was den Tastsinn erfreut und vergnügt, so bleibt sie in gleicher Weise dieser Fähigkeit nach im Dunkeln und leer. Hätte sich die Seele demnach durch Verzicht jeglichem Genuss entzogen und ihr Begehren ertötet, so können wir von ihr sagen, sie weile wie zur Nachtzeit im Dunkeln. Dies ist nichts anderes als ein inneres Leersein von allen Dingen.



04.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZWEITES KAPITEL

3. In der zweiten Nacht, so sagt er ihm, würde er zugelassen werden zur Gemeinschaft der heiligen Patriarchen als den Vätern des Glaubens. Kaum nämlich hat die Seele sich in der ersten Nacht alles Sinnenhaften entledigt, geht sie in die zweite Nacht ein, wo sie einzig im Glauben verharrt, der nicht in die Sinne fällt; doch nicht so, als wäre die Liebe ausgeschlossen; es versagt nur die Verstandeserkenntnis, wie wir noch ausführen werden.
4. Für die dritte Nacht verhieß der Engel ihm den Segen, das ist Gott. Mittels der zweiten Nacht, der des Glaubens, teilt er sich der Seele so heimlich und innig mit, dass es um sie wieder Nacht wird, und zwar während der Mitteilung dunkler denn je, worauf wir noch zurückkommen. Ist diese dritte Nacht überstanden, nämlich die Mitteilung Gottes an den Geist vollzogen, die für gewöhnlich in großer Finsternis vor sich geht, dann folgt sofort die Vereinigung mit der Braut, das ist mit der Weisheit Gottes. Wie auch der Engel dem Tobias sagte, nach dem Überstehen der dritten Nacht werde er sich seiner Braut in der Furcht des Herrn verbinden. Ist die Furcht Gottes vollkommen, dann ist es auch die Liebe, und so vollzieht sich aus Liebe die Umgestaltung der Seele in Gott.
5. Diese drei Teile der Nacht sind zusammen eine Nacht, die eben, gleich der Nacht, drei Teile hat. Der erste, hinsichtlich der Sinne, lässt sich dem Anbruch der Nacht vergleichen, wenn das Entschwinden der Dinge sich vollendet; der zweite, als Nacht des Glaubens, der ganz dunklen Mitternacht; der dritte, das ist Gott, der Dämmerung, die dem Tageslicht unmittelbar vorangeht. Um dies besser zu verstehen, wollen wir jede dieser Ursachen für sich und gesondert behandeln.



03.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ZWEITES KAPITEL

Erklärung der Bezeichnung dunkle Nacht. Warum die Seele sie vor der Vereinigung durchleiden muss.
In einer dunklen Nacht
1. Dreifach lässt sich die Bezeichnung Nacht für diesen Übergang der Seele zur Vereinigung mit Gott begründen.
Erstens vom Ausgangspunkt der Seele her. Sie muss ja ihre Neigung von allen Dingen der Welt, die sie besaß, abwenden und sie verneinen. Dieses Verneinen und Entbehren ist wie Nacht für alle Sinne des Menschen.
Zweitens vom Mittel oder vom Weg her, den die Seele zu dieser Vereinigung gehen muss; dies ist der Glaube, der dem Verstande so dunkel ist wie die Nacht.
Drittens vom Ziele her, dem sie zustrebt, und dies ist Gott, der für die Seele in diesem Leben nicht mehr und nicht weniger ist als dunkle Nacht.
Diese drei Nächte müssen durch die Seele ziehen oder, besser gesagt, die Seele muss durch diese Nächte ziehen, um zur Vereinigung mit Gott zu gelangen.

2. Im Buche Tobias (6, 18-22) finden sich diese drei Weisen der Nacht im Sinnbild der drei Nächte, die der junge Tobias auf Befehl des Engels durchharren muss, ehe er sich seiner Braut vermählt.
In der ersten Nacht sollte er das Herz des Fisches verbrennen, nämlich das den Dingen der Welt zugeneigte und anhangende Herz. Ehe es sich hier aufmacht zu Gott, muss es mit dem Feuer der Gottesliebe alles Geschaffene ausblenden und sich läutern.
Diese Reinigung verjagt den Teufel, der Macht hat in der Seele, wenn sie an materiellen und vergänglichen Dingen hängt.




02.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ERSTES KAPITEL

3. Die erste Nacht betrifft die Anfänger, sobald Gott beginnt, sie in den Zustand der Beschauung zu versetzen, woran auch der Geist teilhat, wie wir dann ausführen werden. Die zweite Nacht oder Läuterung betrifft die Fortgeschrittenen, sobald Gott beginnen will, sie in den Stand der Gottvereinigung zu erheben. Diese Läuterung ist dunkler, finsterer, schrecklicher, wie nachher gesagt werden soll.
4. Erklärung der Strophe: Die Seele will also insgesamt in dieser Strophe sagen, sie sei, von Gott ergriffen, ausgegangen, einzig aus Liebe zu Ihm, entbrannt an Seiner Liebe in einer dunklen Nacht, nämlich beraubt und entledigt all ihrer sinnlichen Begierden nach den äußeren Dingen der Welt sowie nach dem, was ihren Leib ergötzt und dem Geschmack ihres Willens behagt. All dies geschieht in der Läuterung der Sinne. Darum sagt sie von ihrem Ausgehen: Und ließ mein Haus schon tief in Ruhe stehen – das Haus ist der sinnliche Teil -, sofern die Begierden in ihr ruhen und schlafen. Nicht eher wird sie den Peinen und Ängsten verborgener Begierden entrinnen, als bis diese beschwichtigt und eingeschläfert sind. Dies aber nennt sie ein glückliches Geschehen, denn sie entschlüpfte ungesehen, so zwar, dass kein Begehren ihres Fleisches oder sonst etwas sie behindern konnte. Sie entfloh ja des Nachts, nämlich als Gott sie all dessen beraubte, wodurch es Nacht um sie wurde.
5. Dies eben war das glückliche Geschehen, dass Gott sie in solche Nacht versetzte, aus der ihr so viel Gutes erwuchs. Sie hätte es nicht vermocht, in sie einzugehen, denn niemand vermag sich selber aller Begierden zu entledigen, um zu Gott zu gelangen.



01.01.2019

ERSTES BUCH
AKTIV ERSTREBTE NACHT DER SINNE
ERSTES KAPITEL
Die erste Strophe
des Liedes. - Geistlich Strebende haben, entsprechend ihren beiden Wesensteilen, dem niederen und dem höheren, zwei unterschiedliche Nächte zu durchleiden. Erklärung der Strophe.

In einer dunklen Nacht,
die Liebesglut
- o glückliches Geschehen –
zum Sehnsuchtsbrand entfacht,
entfloh ich ungesehen
und ließ mein Haus schon tief in Ruhe stehen.

1. In dieser ersten Strophe besingt die Seele das Glück, das ihr durch das Herausgehen aus allen äußeren Dingen, wie auch aus den Begierden und Unvollkommenheiten, die sich durch Unordnung der Vernunft in ihrem sinnlichen Teil regen, zufiel. Um dies zu verstehen, muss man wissen, dass eine Seele, um zum Stande der Vollkommenheit zu gelangen, für gewöhnlich zwei hauptsächliche Arten von Nacht zu durchleiden hat. Die Geisteslehrer nennen sie Läuterungen oder Reinigungen der Seele. Wir nennen Sie hier Nächte; denn die Seele wandelt in der einen wie in der anderen durch Dunkelheit, als wäre es Nacht.
2. Die erste Nacht oder Läuterung gilt dem sinnlichen Teil der Seele. Davon soll, im Anschluss an die erste Strophe, der erste Teil des Buches handeln. Die zweite betrifft den geistigen Teil und ist Gegenstand der zweiten Strophe, die wir im zweiten und dritten Teil der aktiven, im vierten der passiven Weise nach erklären wollen.